Gefühl vs. Technik

Daniel Unger im Ziel der WM2007REUTERS)

Basierend auf der Diskussion zum letzten Post, möchte ich ein wenig tiefer einsteigen in das Thema Leistungssteuerung. Neben den zwei Hauptprotagonisten Puls und Leistung (Watt) kam da plötzlich so etwas weiches, schwer greifbares wie „Gefühl“ auf’s Tablett. Hmm?!

Interessanterweise fragt auch Arne Dyck auf triathlon-szene.de gern seine Interviewpartner: „Puls, Leistung oder Gefühl?“ Oft heißt die Antwort dann: „Alle drei!“

Und so sehe auch ich die Welt! Ich denke, dass die technischen Hilfsmittel wie Puls- und Wattmesser eine tolle Unterstützung dessen bieten. Aber eben genau NUR DAS. Ich selbst sehe mein Gefühl an erster Stelle, wenn ich mich frage, ob überhaupt und wenn ja, WIE ich trainieren soll. Deshalb bin ich auch kein großer Fan von starren Trainingsplänen (am besten noch Pauschalpläne ohne jede Rückkopplung mit dem Coach – GAAANZ schlecht!). In der Literatur taucht hier und da auch eine Kategorisierung auf, wie die Borg Scale of Perceived Exertion (RPE). Ich weiß nicht. Ich tu mich schwer, meine Gefühle in eine vorgegebene und zwangsläufig willkürliche Skala zu pressen. Dennoch halte ich „mein Gefühl“ für einen sehr wichtigen Indikator und EINEN Grund, warum ich trotz enormer Steigerungen von Umfang und Intensität dieses jahr verletzungsfrei geblieben bin. Aber eine Skala von 6 bis 20? Das halte ich für unrealistisch. Wer könnte schon für sich einen klaren Schnitt zwischen 13 („somewhat hard“), 15 („hard“) und 17 („very hard“) machen? Von den Zwischenwerten 14 und 16 mal ganz abgesehen. Auf der anderen Seite gibt es dann Typen wie den berühmten Triathlon-Coach Brett Sutton, für den es nur die drei Ms gibt: Moderate, Medium und Mad. Hmm? Das ist dann auch für mich ein klein wenig grob. Wie so oft halte ich die Mitte für praktikabel: Ich nutze persönlich eine 5er-Skala von — über -, o, + bis zu ++. Und selbst da fällt mir die Unterscheidung manchmal schwer.

Ich denke, dass die Kombination der drei „Inputs“ Puls, Watt und RPE eine recht gute Richtschnur gibt, WAS man gerade WIE trainieren sollte. Und da das Thema „innerer Schweinehund“ in diesem Zusammenhang aufkam: Auch hier glaube ich, dass das Zusammenspiel der verschiedenen Parameter gute Dienste leistet. Oft helfen dabei aber auch die Trainingskameraden. Wie gestern beim Verrückten-Lauftreff (aka Team Sport Schweizer): Sowohl die Beine, als auch der Kopf fühlten sich nach der katastrophalen Radleistung vom Vortag (die nebenbei richtig weh tat, wenn man 2 Stunden von zuhause schon total leer ist) richtig bescheiden an. Wenn man dann aber mit so schlechten Beinen und reiner Willensleistung noch ganz ordentlich mithalten kann, weiß man, dass es v.a. der innere Schweinehund war. Das Niederringen dieses virtuellen Geschöpfes gibt dann einmal mehr ein ganz gutes Gefühl . . .😉

Nachtrag 30.08.2008:

Sutton empfiehlt, nach dem Gefühl schlecht, OK bzw. super entsprechend in den drei „Härtegraden“ moderate, medium bzw. mad zu trainieren. Also auch dort ist durchaus der Link zwischen „wie fühle ich mich gerade“ und „wie hart trainiere ich dann“ gegeben.

Es ist aus meiner Sicht wenig sinnvoll, einen Regenerationstag zu machen, obwohl ich mich bombastisch fühle und Bäume ausreißen könnte. Eher problematisch ist selbstverständlich die andere Seite der Medaille: Ich fühle mich bescheiden und soll harte Intervalle bolzen. Das geht i.d.R. ein- oder zweimal gut. Spätestens dann wird der Körper Signale senden, dass man doch ein bißchen mehr auf ihn hören soll.🙂

2 thoughts on “Gefühl vs. Technik

  1. Hallo Jörg,

    stimmt!
    Ich glaube man muss hier einfach entscheiden, dass es für die eine Gruppe (Du, ich….) hilfreich ist, die Technik fürs Optimum einzusetzen, aber gleichzeitig auch auf den Körper zu hören und, falls notwendig, Anpassungen in der Planung vorzunehmen, und der anderen Gruppe, die sich darüber nicht den Kopf zerbricht und einfach „macht“. Hier können auch ganz gute Leistungen herauskommen, aber sicherlich nicht das Optimum. Auch wenn bei mir z.B. heute ein Regenerationslauf auf dem Programm steht, so spüre ich, dass ich heute auf jeden Fall eine Pause benötige. Ich werde auch nicht das Training nachholen, weil ich die Befürchtung habe, etwas zu verpassen, nein, wenn die Beine wieder lockerer sind und ich mich nicht mehr „desolat“ FÜHLE, dann geht’s normal weiter.
    Gruß
    Sven

    PS: Und nachdem die alten Zeiten sowieso vorbei sind, ist es auch nicht allzu tragisch, ob ich die 10km dann 20 Sekunden langsamer laufe😉

  2. Hallo Sven,

    tschuldigung vielmals! Ich habe keine Ahnung, warum Akismet (mein Blog-Spamfilter) diesen Kommentar von Dir rausgefischt hat.
    Zum Kommentar selbst: Bin ich vollkomen bei Dir.
    Und noch ein Punkt: Ich denke, dass die meisten Amateure da ohnehin zu viel Aufwand betreiben für das Ergebnis, das sie damit erzielen. Und zu viel Technik einsetzen, für die 20 Sekunden, die z.B. bei einer 40er oder auch 35er-Zeit auf 10k nun wirklich nicht so spannend sind.
    Auf der anderen Seite lebt die ganze Branche genau von diesen Menschen (uns)!

    Gruß, Jörg

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