IRONMAN Hawaii 2008 – The Race

Nachdem ich mir schon Hoffnungen gemacht habe, dass es mit meiner Grippe besser wird, musste ich einen herben Rückschlag hinnehmen. Die Nächte waren das reine Grauen. Habe in der vergangenen Woche nie mehr als drei Stunden am Stück geschlafen. Ein Wunder, dass ich überhaupt noch gerade aus gehen konnte. Und die schöne hawaiianische Landschaft habe ich mit ca. 35 Tonnen gelblich-grünem Schleim gedüngt (naja, vielleicht waren’s auch nur 33 Tonnen).🙂

Anyway. Die Voraussetzungen waren also bescheiden – um es gelinde zu sagen. Am Vortag war ich mir nicht sicher, ob es überhaupt Sinn macht, an den Start zu gehen. Aber an DIESER Startlinie muss man dann eben doch stehen (oder vielmehr paddeln, da Tiefwasserstart). Gestern Morgen auf dem Weg zum Body Marking traf ich dann auch noch zufällig Klaus Pöttgen, den berühmt-berüchtigten Rennarzt des IRONMAN Germany. Der machte mir etwas Mut. Sagte, dass ich dass schon machen könnte, aber eben stets darauf achten sollte, so 10-15 Pulsschläge unter „normal“ zu bleiben. Falls noch entzündliche Elemente im Körper wären und um sicher zu gehen, dass ich mir keine Herzmuskelentzündung einfange.

Nach dem Body Marking ging’s dann in die T1, nochmal Rad checken, aufpumpen, Flaschen  und Ergomo richten. Dann kommt auch schon die fette C 130 im Tiefflug über uns weggedonnert und drei Navy Seals springen mit dem Fallschirm ab. Auf sowas stehen die Amis. Und draußen lag die USS Lake Erie Macht und Stärke demonstrierend vor Anker. Dann wird’s emotional. Diese Zeit vor einem großen Wettkampf finde ich immer wieder die bewegendste. All‘ diese Menschen, die viele Stunden, Tage, Monate, meistens Jahre Entbehrungen auf sich genommen haben, um hier an der Startlinie zu stehen. Der Mut, sich solch einem Rennen überhaupt zu stellen. Ich stehe mit drei Mittfünfzigerinnen im seichten Wasser am Dig Me Beach, während die Nationalhymne von einem Hawaiianer gesungen wird. Dann der Start der Pros. Ab ins Wasser, einschwimmen und dann eine gute Position finden. Ich spüre sofort, dass es hier diesen Tick kompetitiver zugeht. Das sollten mit später auch alle anderen, mit den ich redete, bestätigen: Dieses Schwimmen war das übelste meiner ganze Karriere. Bis zur Wendeboje war an ein freies Schwimmen nicht zu denken. Und so viel Schläge musste ich auch noch nie einstecken. Zurück ging es ein bißchen besser. Insgesamt habe ich mich da schon sehr zurück gehalten. Das passte schon. Soll ich zum Radfahren? Rein physisch fühlte ich mich im Grunde nicht wirklich so schlecht. Also rauf auf’s Rad und ab geht die Post. Erst durch Kona und dann raus auf den Queen K Highway. Ein übereifriger Race Marshal muss gleich auf dem Weg raus aus Kona ein Exempel statuieren und ich fange einen Penalty wegen angeblichen Windschattenfahrens ein. Ich möchte hier nicht in die Details und die Sinnhaftigkeit der Regeln eingehen. Konnte man so sehen. Und so saß ich dann mit einer Hundertschaft anderer im ersten Penalty Tent irgendwo in the middle of nowhere in der heißen Lava-Wüste meine vier Minuten ab. Traf da einige bekannte Gesichter und wir konnten ein nettes Kaffeekränzchen halten. Danach fing’s auch schon gleich an zu blasen und hoch nach Hawi war der Hammer. Zwei mal konnte ich nur mit Mühe mein Rad abfangen, so böig und stark kam der Wind von der Bergseite runtergeblasen. Dafür ging’s von Hawi runter mit 70 Sachen völlig lässig im Tiefflug dahin (da gab es ja wohl auch schon Jahre, wo man bergab kaum voran kam). Durch die Wendepunkte war es interessant zu sehen, was die Profis vorn so machen. Faris lag mit Torbjörn vorn. Macca schon recht weit dahinter (er solltre später mit technischem Defekt aussteigen). Durch den heftigen Wind waren die Killer-Biker wie Sindballe, Faris, Normann und Ronnie klar im Vorteil und nutzten das auch. Bei den Mädels lag zu diesem Zeitpunkt auch eine der besten Bikerinnen vorn: Belinda Granger. Wo war Chrissie? Sie hatte offenbar einen technischen Defekt, ließ sich aber nicht beirren und beendete das Rennen später mit einem mehr als deutlichen Sieg. Heimwärts nach Kona rein war’s dann eine ziemliche Keulerei und ich spürte schon recht stark meinen geschwächten Körper. Musste ich mich zu Beginn noch nach Pöttgen’s Ratschlag zurückhalten, konnte ich nun kaum noch treten. Ab Kilometer 150 fingen die Krämpfe an und obwohl ich vor und während des Rennens Salztabletten eingeworfen hatte wie ein Verrückter, verkrampfte jetzt die gesamte Oberschenkel-Vorderseite. Das muss ich post race mal in Ruhe analysieren. Macht so einfach keinen Spaß. An Laufen war so nicht zu denken und ich freundete mich schon mal mit dem Gedanken an, dass es heute wohl doch kein Finish geben wird. Dummerweise hatte ich auch in jedem Wechselbeutel Salztabletten – nur im Laufbeutel nicht (Lernpunkt!!!). Die Docs in T2 hatten auch keine. Arggghhhh!!!! Und an den Verpflegungsstellen gab’s – anders als in FFM – auch keine. Schlecht. Ich fragte die Docs, ob sie was für mich tun könnten und legte mich für ein paar Minuten auf die Liege. Aber ich musste vor Schmerzen schreien und es half nicht wirklich. Also zog ich mich um und trabte aus Kona hinaus den Alii Drive entlang. Das lief überraschend gut. Aber hatte natürlich nichts mit Laufen zu tun. Ganz im Sinne der Werbung von Pearl Izumi, war das allerhöchstens Jogging. Aber selbst mit so einem lausigen 5er-Schnitt überholt man in Hawaii auf dieser Laufstrecke jede Menge Leute. Unter anderem die Massen, die jetzt schon nur noch gehen können. Ein paar Athleten waren aber natürlich auch noch in der Lage, richtig zu laufen und überholten mich geschwind. Das war mir heute sowas von egal. Ich wollte hier und heute nur noch das Finish. Und das sah nicht schlecht aus. Nach km 2 war mir ziemlich klar, dass ich das heute schaffe – und wenn ich zwölf Stunden brauche. Die letzten 5 Meilen (8k) waren dann nochmal besonders hart. Aber da holte ich gerade Wenke Kujala ein, die ihrerseits gerade auf Hillary Biscay auflief. Die zwei Profi-Damen joggten dann locker und entspannt den Marathon zuende, tratschten derweil und ich hört sie noch 100 Meter weiter. Biscay hatte ja früher in der Saison das Kunststück fertig gebracht, den 2. Platz beim IM Louisville abzuräumen und EINE WOCHE SPÄTER (!!!) den Sieg beim IM Wisconsin einzufahren. Da es ja heute wirklich nur um’s Finishen ging, genoss ich das auch in vollen Zügen. Hawaii ist einfach eine schöne Finishline. Und die Zeit und Platzierung interessierte mich ausnahmsweise überhaupt nicht. Habe sie erst gerade im Web nachgeschaut. Naja, 10:19 ist unter den gegebenen Umständen gar nicht so schlecht. Aber ich bin so oder so glücklich und, ja, ein wenig Stolz, dass ich hier als Finisher den Ruf Mike Reilly’s entgegen nehmen durfte: „Jörg, you are an Ironman!“

Und die Sieger? Macca raus. Aber sonst lag ich mit meiner Prognose genau richtig: Crowie vor Eneko. Und bei den Frauen Chrissie vor Yvonne. Starke Nummer von Timo Bracht. Habe mich richtig gefreut für ihn. So eine Weltklasse-Leistung habe ich ihm von ganzem Herzen gegönnt. Dumm, wenn man dann nicht ins Penalty Tent fährt und disqualifiziert wird. So haben wir wieder keinen in den Top Ten. Schwach. Starke Leistung aber auch von Normann und Faris. Als ich gerade nach Kona reinkam, liefen Normann und Eneko gerade Schulter an Schulter raus zum Energy Lab. Dann ereilten ihn wohl ähnliche Krämpfe wie mich (allerdings auf weit höherem Niveau). Als ich Faris später anfeuerte, war der auch nicht wirklich zufrieden mit seiner Leistung.

Hawaii ist eben Hawaii. Dieses Rennen lässt sich mit keinem anderen vergleichen. Zu sehen, wie gestandene Profis, die schon x Ironmans gemacht haben hier explodieren und geknickt nach Kona reinjoggen lässt einen die Demut erfahren, die einem dieses Rennen aufzwingt. Der hoffnungsvolle Frank Vytrisal, der letzjährige Dritte Torbjörn Sindballe. Um nur zwei zu nennen. ( Sahen auch nicht mehr ganz frisch aus. Und natürlich jede Menge mehr. Andersrum hat Rutger Beke – nach seinem beeindruckenden „walk home“ letztes Jahr hier in Kona (Platz 898 overall in 11:14 nach einem 5:34 h-Marathon) – ein sensationelles Comeback hingelegt: Platz 3 in 8:21 h ist ganz großes Kino!

Man muss sich in Ruhe die Pro-Liste auf ironman.com anschauen. Athleten, die unter Idealbedingungen in Mitteleuropa ein tolles Rennen abliefern zerbröselt es hier reihenweise. Kona ist eben Kona. Madame Pelé kennt keine Gnade.

5 thoughts on “IRONMAN Hawaii 2008 – The Race

  1. Hallo Jörg,

    in Anbetracht der Umstände trotzdem herzlichen Glückwunsch zum Finish und dem tollen Erlebnis das dir niemand mehr nehmen kann… Auch wenn so manchem Sportarzt wohl die Haare zu bergen stehen würden. Aber ironmänner sind nunmal ein bisschen crazy😉

    Sportliche Grüße

    Michael

  2. Servus Jörg,

    deine größten Befürchtungen sind wohl doch eingetroffen. Schade. Trotzdem Glückwunsch zum Finish. ..und die Zeit muss man ja auch erst mal hinkriegen.
    Hinfallen, Dreck fressen und wieder aufstehn !
    Hast ja noch´n Versuch auf der Insel.
    Gruß
    Michi

  3. Hallo Jörg,

    schade, dass es nicht so gelaufen ist wie du es dir vorgestellt hast. Trotzdem meinen herzlichen Glückwunsch, dass du dich durchgebissen hast und das Rennen durchgezogen hast. Unter den Umständen finde ich die Zeit doch wirklich gut. Kannst wirklich stolz drauf sein. Jetzt kann es ja für die Xterra nur noch besser werden oder? Viel Erfolg auf jeden Fall schon mal dafür. Viele Grüße aus dem Schwabenland
    Frank

  4. Hallo Jörg,

    Glückwunsch zum Finish! Es ist schon ein Risiko krank an den Start zu gehen, aber die Triathleten sind alle gleich:-)
    Ich bin am selben Wochenende (wie Hawaii) in München beim Marathon gestartet, obwohl ich zwei Wochen vorher erkältet war und der Arzt gemeint hat, dass ich auf keinen Fall starten darf;-)
    Leider habe ich es dann wirklich nicht durchziehen können, da zum geschwächten Körper noch Krämpfe kamen. Die begannen schon nach 13km – dennoch schleppte ich mich bis 35km, aber dann konnte ich einen Fuß mehr vor den anderen setzten. Dieses Jahr soll es wohl nicht sein, aber fürs Kraichgau im nächsten Jahr bin ich schon wieder angemeldet;-)

    Gruß Stefan

  5. Hallo Stefan,

    naja, das Risiko hielt sich wie oben erwähnt in Grenzen. Die Leistung und der Spaß-Faktor leiden halt ein bißchen. . .
    Naja, 2008 scheint ja wirklich nicht so Dein Jahr gewesen zu sein. Hey, 2009 steht ja vor der Tür: Neues Spiel – Neues Glück!😉
    Im Kraichgau werden wir dann wohl mal wieder gegeneinander antreten. Dann zieh‘ Dich schonmal warm an! :-))
    Aber vielleicht sehen wir uns ja auch in der 1. Liga wieder??!

    Gruß, Jörg

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