Doping

Uiuiui! Jetzt aber Obacht geben! Ein  gaaanz heißes Thema. Und noch eines dazu, wo jedes Wort wohlüberlegt sein will, möchte ich nicht demnächst irgendwelche Unterlassungserklärungen unterschreiben. Disclaimer: All‘ das hier Folgende entspricht selbstverständlich lediglich meiner bescheidenen Meinung bzw. gibt meine Wahrnehmung wider. Anders als die meisten Menschen, habe ich WIRKLICH verstanden, dass ich nichts weiß, per definitionem mir absolut nichts sicher sein kann.

Ich muss gestehen, dass ich mich – wie das sehr viele Menschen tun – um das Thema gedrückt habe. Es ist im Grunde omnipräsent und trotzdem „spricht man nicht gern drüber“. Warum eigentlich? Eine These ist: „Weil wir irgendwie alle mit drin hängen.“

Zwei Events haben mich nun inspiriert, doch zu diesem Thema Stellung zu beziehen:

  1. Der Artikel im Reutlinger Generalanzeiger bzgl. „Göhner vs. Vuckovic“ und Göhner’s entsprechende Stellungnahme.
  2. Die gestern Abend statt gefundene Podiumsdiskussion zum Thema „Was läuft falsch im Kampf gegen Doping“ der Kirchheimer Zeitung Teckbote und der Südwestpresse.

Das Thema ist NOCH komplexer, als ich vor der gestrigen Podiumsdiskussion auf dem Schirm hatte. Da sitzen zwei Moderatoren auf dem Podium, die ihre Sache wirklich gut machen. Und sechs Diskussionsteilnehmer, die das heikle Thema aus (fast) allen erdenklichen Winkeln beleuchten konnten. Am Ende muss ich zuerst einmal fest stellen, dass ich praktisch jeden einzelnen Spieler verstehen kann. Aus der jeweiligen Sicht erscheint all‘ das Gesagte durchaus sinnvoll. Immer wieder wird auch bemerkt, „wie sehr man doch beieinander sei“ bzw. „dass uns ja nur sehr wenig trennt“. Nachher, wenn alle Gäste gegangen sind und man sich im kleinen Kreis austauscht, sieht die Sache dann gleich ganz anders aus.

Das Zweite, was auffällt (und wahrscheinlich einer der Hauptgründe, warum das Thema auch morgen noch nicht gelöst sein wird), ist, dass praktisch ALLE vom Doping profitieren:

  • Da ist ganz links Anja Berninger, angereist in ihrer Funktion als Justitiarin der NADA. Jung, hübsch, eloquent. Ohne Doping gäbe es keine Notwendigkeit einer NADA. Profit klar.
  • Rechts daneben Günther Riemer, angereist in seiner Funktion als Präsident des württembergischen Radsportverbands. Kam etwas wenig in der Diskussion vor. Die beiden Funktionäre gewinnen eher am wenigsten am Doping. Zumindest, wenn es auch international kein Problem gäbe. Aber entsprechende Erfolge ihrer Athleten „sieht man natürlich gern“ und wenn die nachhaltig ausbleiben . . .??
  • Rechts daneben Dr. Michael Lehner, der als Vertreter des sicherlich von ca. 96,3% der Anwesenden (eigene gewagte Schätzung) heiß erwarteten und gleich mehrfach positiv auf EPO getesteten Radprofis Stefan Schumacher kam. Er ist anerkanntermaßen DER #1 Rechtsanwalt in Sachen Doping in Deutschland. Unter anderem rechtsbeistand der Radprofis Patrick Sinkewitz und Jörg Jaksche und der Triathleten Lothar Leder und Stefan Vuckovic. Von daher profitiert er 1:1 direkt von der Problematik.
  • Dann Peter Esenwein, Top 20-Speerwerfer in der Welt. Sicher derjenige, der noch am wenigsten von Doping profitiert. Aus meiner Sicht auch derjenige, der am authentischsten und ehrlichsten rüberkam.
  • Next in line: Prof. Dr. Helmut Digel, Leiter des Instituts für Sportwissenschaft an der Uni Tübingen, ehemaliger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes und Council-Mitglied des IAAF. Eloquent, politisch versiert. Hört sich total glaubwürdig an. Aber wie soll ich einem Menschen das abnehmen, wenn er viele Jahre als Top-Funktionär eine Sportart betreut hat (und sich einer gewissen Verantwortung IMHO nicht entziehen sollte), die seit ebenso vielen Jahren systematisch doping-verseucht ist?
  • Und schließlich ganz rechts außen Lado Fumic. Die Gallionsfigur des Aufstandes gegen das herrschenden Antidoping-System im Allgemeinen und des Online-Meldesystems ADAMS im Speziellen. MTB-Profi und umtriebiger Multi-Unternehmer. Transaktionsanalytisch betrachtet nahm ich da sehr viel „Trotziges Kind-Ich“ wahr, während er im Anschluss auch sehr gern gegenüber der einzigen Frau ins Erwachsenen-Ich wechselte. Hat mit seinem Bruder Manuel außerordentlich vom MTB-Boom profitiert und scheint jetzt einen Mega-Hass gegen die NADA zu haben (Zitat: „Die NADA ist ein Scheissladen!“), die jetzt gerade seine mühevoll gebaute Sandburg ein wenig beschädigt.

Und DAS war für mich nebenbei ein unerwarteter Gewinn: Durch meine professionelle Brille betrachtet war es absolut faszinierend zu betrachten, wie die einzelnen Spieler sich gaben, darstellten, kommunizierten, welche Überzeugungen und Werte sie an den Tag legten und mit welchem Selbstverständnis sie teilnahmen. Auch interessant, wie ein so hochdekorierter Staranwalt wie Michael Lehner auf mich ein extrem blassen und wenig überzeugenden Eindruck machte. Das ging offenbar nicht nur mir so. Spannend wäre in diesem Zusammenhang sicher gewesen, welche Performance hier Stefan Schumacher auf dem Podium im Vergleich abgeliefert hätte.

Bemerkenswert auch, wie solch ein Thema politisch angefasst wird: Kaum einer sagt wirklich, was er denkt und alle „machen nach vorn einen auf heile Welt“ während sie hintenrum schon das Messer ansetzen. Lado ist da eher die Ausnahme, weil er vielleicht am meisten zu gewinnen, aber auch am meisten zu verlieren hat. Zu denken gab mir schließlich, dass außer mir KEINER (nicht ein Anwesender!) ein Frage ans Panel stellte. Aber wie so oft, sind die Gespräche im kleinen Kreis, nachdem „das Volk“ den Saal verlassen hat, ohnehin die Interessantesten.

Fazit aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge: Wer hofft, dass sich etwas in naher Zukunft positiv zum Thema Doping im Sport verändert, kann gerne weiter hoffen. Passieren wird aber Null. Nada. Niente. Die NADA wird ohne Möglichkeiten der Strafverfolgung weiterhin das Feigenblatt bleiben, das sie momentan ist. Weder die Verbände (siehe DTU-Problematik zur Zeit aktuell, wo ein weiterer Fall ausgesessen wird, bis er verjährt ist) noch ihre Vertreter scheinen  ein echtes Interesse an Aufklärung zu haben. Vielleicht wissen die mehr als wir? Ganz wenige Sportler beziehen öffentlich Stellung (Esenwein: „Lebenslängliche Sperren müssten her!“) wie Michael Göhner. Ein paar spezialisierte Rechtsanwälte leben richtig gut davon (und bei ca. 783 Dingen, die im Prozess eines positiven Doping-Befundes und danach richtig gehen müssen, findet man mit etwas Expertise IMMER ein Loch – und es geht nur darum EIN LOCH in der Kette zu finden). Und schließlich hat die Presse auch immer mal wieder eine richtig geile Enthüllungsstory zu bieten – profitiert aber vom öffentlichen Interesse auf jeden Fall.

Ach ja, ausgerechnet Lado Fumic brachte noch in seinem Abschluss-Statement das Thema WERTE auf, das natürlich totgeschwiegen wurde. Aber auch aus meiner Sicht ein absolut zentrales Thema ist. Aber da müssten wir uns ja einmal mehr ALLE auf den Prüfstand stellen. Nee, nee, das dann doch lieber nicht. Am Schluss hat das noch etwas MIT MIR zu tun!

2 thoughts on “Doping

  1. Hi Jörg,

    hast mal wieder gut rüber gebracht, was wir am Montag in Jesingen gesehen und gehört haben. Ich fand die Diskussion auch sehr interessant und musste ebenso erkennen, dass das Kapitel Doping wohl eine „never ending Story“ bleiben wird. Es wird immer schwarze Schafe geben und das Argument, dass sehr viele vom Thema Doping profitieren ist auf jeden Fall auch einen Gedanken wert.
    Dr. Digel hatte mit Sicherheit die längste Redezeit und ist für den Zuhörer ganz überzeugend rübergekommen. Jedoch hast du absolut recht, dass dieser sich natürlich schon lange auf der Showbühne des Sports und der Politik aufhält. Wer nicht reden und überzeugen kann hält sich auch nicht lange in den Positionen.
    Es wäre schön wenn sich zukünftig einiges tun würde in Bezug auf sauberen Sport, aber da hat der Abend wohl nicht allzu viel Hoffnung gemacht.

    Gruß
    Frank

  2. Wie immer – und das ist ebenfalls eine endlose Diskussion:
    WO FÄNGT DOPING AN?

    Ist es das KH-GEl? Der Power Riegel oder der ALDI-Keks?
    Ist es das Kortison im Knie?
    Ist es die Aspirin?
    Ist es das bessere Bike das sich einer leisten kann und der andere nicht?
    Das Kinesio – Tape?

    Es war so und wird immer so im Wettbewerb bleiben: die einen verschaffen sich einen Vorteil – egal wie – die anderen nicht (by the way: nicht nur im Sport sondern auch im Social Life oder in der Wirtschaft)

    Eine Farce deshalb auch seinerzeit die Rückkehr der UCI zum Diamantrahmen-Konzept (das nur mal so am Rande) – und auf der anderen Seite eine Tour de California unter der Flagge der EPO-Prodzenten🙂

    Ach:
    Triathlon ist mein Life-Style und soll es noch ein paar Jahre bleibenn – aber ohne MEDIZINISCHES Doping

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