Stellungnahme zum Fall Göhner vs. Vuckovic

Nachdem mich Michael Göhner bat, meine im persönlichen Gespräch ausgetauschte Meinung zu veröffentlichen, tue ich dies hiermit, um nicht als genauso schlappschwänziger Feigling dazustehen, wie manche Menschen da draussen. Bitte auf keinen Fall persönlich nehmen: SIE, lieber Leser, sind garantiert nicht gemeint. Aber wie Ihr erkennen könnt, nervt mich unsere auch in diesen Fragen verlogene Gesellschaft ein wenig.

Hallo Michael,

es liegt in der Natur der Sache, dass „Zwei Herzen in meiner Brust“ schlagen.
Einerseits habe auch ich die Brille TSG auf und bin als Teil der Mannschaft an einem optimalen Team-Ergebnis interessiert.
Andererseits jedoch steht aus meiner Sicht das Thema Doping auf einer anderen, vielleicht wichtigeren, Stufe. Ich spare mir an dieser Stelle mal die üblichen „Disclaimer“ und Weichmacher. Selbstverständlich mag keiner von uns einen unschuldigen Athleten bezichtigen und selbstverständlich ist bis zum Beweis der Schuld vom Gegenteil auszugehen.
Gleichzeitig kommt bei mir jedoch ein „komisches Gefühl“ hoch, welches ich hier zum Ausdruck bringen möchte. Bei der Podiumsdiskussion des Teckbote mit allerlei Prominenz zum Thema Doping waren auch alle „lieb miteinander“. Wenn Herr Lehner (der Rechtsbeistand von u.a. Stephan Vuckovic und DER Rechtsexperte zum Thema Doping in Deutschland) und weitere Rechtsexperten zugegen sind, werden alle ganz zurückhaltend, weil sie alle Angst haben. Keiner sagt mehr, was er denkt, sondern nur noch was politisch korrekt ist und keine Rechtsstreitigkeiten nach sich zieht. Und genau DAMIT unterstützen wir das gesamte Doping-System.
Drei Beispiele:

  • Unter vier Augen sagt einem ein Herr Pöttgen (Rennarzt des IRONMAN Germany), dass medizinisch gesehen der „Fall Lothar Leder“ eindeutig ist. Mit ca. 98,5-prozentiger Sicherheit hat er manipuliert, seinem Körper irgendwelche unerlaubten Substanzen zugeführt. Rechtlich ist es aber schwer, den Fall sauber durchzuziehen und so verläuft er im Sande. Seine Frage: „Wie sicher müssen wir denn noch sein, um jemanden des Dopings zu überführen?“ Gute Frage.
  • Unter vier Augen sagt einem Frau Wisser (DTU-Präsidentin), dass es „allen ziemlich klar ist, was da läuft.“ Rechtlich ist dem aber offenbar schwer nachzukommen. Und so geht auch der Verband DTU den Weg des geringsten Widerstands.
  • Unter vier Augen sagt einem Frau Berninger (NADA-Justitiarin), dass es „noch innerhalb der nächsten Woche Neuigkeiten im Falle Vuckovic“ geben wird. Die Woche ist längst um und selbstverständlich gibt es keine Neuigkeiten. Wird es auch nicht geben bis zum Ablauf der Verjährungsfrist (schätze ich mal).

Und so wird eine nach der anderen Chance vertan, unseren Sport vor dem Desaster zu retten, in den der Profi-Radsport geschlittert ist. Ein Sport, bei dem mir spontan kein einziger Mensch einfällt, der nicht davon ausgeht, dass auf breiter Front (manche meinen „ALLE“) gedopt wird.
Und da kommt ein sauberer Sportler wie Du ins Spiel. Ein Triathlet, der als Profi darauf angewiesen ist, seine Brötchen damit zu verdienen. In einem Sport, der längst nicht so etabliert und finanziell lukrativ ist wie der Profi-Radsport. Wenn man diesem zarten Pflänzchen Triathlon, das gerade mal eben so auf der Bildfläche der großen Medien erscheint, mit systematischen Doping-Fällen den Todesstoß versetzt, wird es sich wahrscheinlich nicht so schnell davon erholen. Und damit ist Menschen wie Dir die Arbeitsgrundlage entzogen. Das finde ich nicht fair.

Selbstverständlich kann ich den Profi-Sportler durchaus verstehen, der in einer „Alles-oder-Nichts-Welt“ ums Überleben kämpft. Machen wir uns doch nichts vor: EIN MAL eine olympische Medaille ist der Unterschied zwischen Alles und Nichts. Wenn man sich so eine Welt einfach völlig emotionslos ansieht muss man nach eingehender Analyse feststellen, dass man manipulieren MUSS. Man wird förmlich dazu gezwungen. Wohlgemerkt nur, wenn man alle Rand-Parameter wie moralische Bedenken oder gesundheitliche Schäden ausklammert. Betriebswirtschaftlich betrachtet: Nutzen und Risiko stehen einfach in einem zu guten Verhältnis. Risc and return. Ganz einfach.
Und auch den Standpunkt eines Herrn Lehner kann ich völlig nachvollziehen. Emotionslos betrachtet blendet er alle Randbereiche aus und konzentriert sich 100 Prozent auf die Nutzenmaximierung seines Klienten (wofür er ja auch bezahlt wird). Daran ist erstmal nichts Falsches. Moralisch vielleicht fragwürdig, aber eben nachvollziehbar. Denn auch für ihn gilt die gleiche bertiebswirtschaftliche Gleichung: Geringer Aufwand (bei DEN vielen Details, die falsch laufen können, findet er fast immer etwas, das auch falsch gelaufen ist im Prozess). Der Ertrag auf der anderen Seite ist erklecklich. Ich vermute, er kann a) ganz gut davon leben und ist b) fast schon eine Art „Berühmtheit“ (die er im Familienrecht wahrscheinlich eher nicht wäre).

Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen kann ich nicht nachvollziehen, wie man Dich an dieser Stelle als Buhmann hinstellen kann.

Sportliche Grüße,

Jörg

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