IRONMAN Germany 2009 – Pacing

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Timo und Macca treiben sich gegenseitig zu Höchstleistung an (© Trimag)

Ein aus meinem Betrachtungswinkel herausragender Lernpunkt der gestrigen IRONMAN European Championship in Frankfurt ist einmal mehr das Thema Pacing-Strategie.

Einer der zentralen Limiter eines guten Langdistanz-Rennens ist die Strategie und dann v.a. deren Umsetzung was das Renntempo (neu-deutsch Pacing) angeht. Wie der amerikanische Coaching-Guru Joe Friel auf seinem Blog sogar hinsichtlich sehr viel kürzerer Renndauern (Meile, 5k, 10k) über die Entwicklung der Weltrekorde und deren Pacing analysierte, trifft mit Sicherheit insbesondere auch für lange Wettkampfdauern zu. Die Statistik ist da ganz eindeutig: Fast alle Rekorde wurden mit sogenanntem „negative split“ gelaufen (zweite Hälfte schneller als die erste).

Wenn wir uns also den gestrigen IRONMAN genauer ansehen, fällt IMHO folgendes auf: Beide Siege gingen vor allem über das überlegene Pacing. Das heißt bei einer Langdistanz insbesondere a) Geduld und b) Gleichmäßigkeit.

Meine These ist, dass alle vier Erstplatzierten bei den Männern hätten gewinnen können. Eneko zieht (IMHO völlig schwachsinnig für einen Läufer seiner Güte) schon nach 90 k der Spitzengruppe davon. Was soll das denn? Raelert zieht mit. Genauso schwachsinnig, aber verständlicher, da er ja um die Laufqualitäten von Eneko wusste. Wenn man das Interview in der T2 mit Raelert sieht, ist klar, dass er zu diesem Zeitpunkt klar überzogen hatte. Es spricht für seine Klasse, dass er das Ding überhaupt noch so hingebogen hat. Dann der gleiche Krampf von Macca, als er sinnloserweise so früh Timo davon läuft. Da hätte ich mir bei einem der erfahrendsten Athleten überhaupt mehr erwartet. Einem, der z.B. in St. Pölten noch bis 400 m vor dem Ziel warten konnte, da er genau um seine Sprintstärke weiß. Einem, der noch im Kraichgau davon sprach, dass eine Sekunde Vorsprung im Ziel völlig ausreichend ist (korrekt!). Da hatten sich also schon zwei meiner Top-Favoriten ein Bein gestellt. Llanos schien obgleich viel stärker SEIN Rennen bestreitend auch etwas überzogen zu haben. Was mal wieder zeigt, WIE SCHWER das Thema in der Praxis umzusetzen ist. Und schließlich bleibt in meiner Betrachtung Timo übrig, der überhaupt nicht überraschend den gleichmäßigsten Marathon (und nebenbei den Schnellsten) raushaute und mit dieser im Grunde einfachen Taktik das Rennen völlig verdient für sich entschied.

Es ist alles da, Jungs! Vielfach beschrieben in der einschlägigen Literatur. Was einmal mehr zeigt, dass das reine WISSEN überhaupt nichts zählt. Man muss es auch umsetzen. Das scheint in der Hitze des Wettkampfs offensichtlich nicht immer ganz leicht . . .

7 thoughts on “IRONMAN Germany 2009 – Pacing

  1. Fand ich auch beeindruckend, ich glaube nicht, dass ich jemals so abgezockt laufen könnte wie Timo Bracht. Ich an seiner Stelle hätte alles daran gesetzt, an Macca dran zu bleiben.
    Seltsam fand ich auch den Doppelausfall von Raphael und Fachbach, bin mal gespannt wann man da mehr erfährt.

  2. Schaut Euch auch mal Maccas Interview auf Tri-Mag an! Geil, er flippt fast aus, wenn er vom Neoschwimmen und der Radgruppe, in der Timo und er die Arbeit gemacht haben, spricht.

  3. Die sind in der Gruppe um Macca, Bracht und Vytrisal mitgefahren und waren irgendwann verschwunden.
    Ich sehe aber gerade, dass ausgerechnet Jan Raphael und Markus Fachbach die Experten bei der Internetübertragung von Roth sein sollen. Da wird sich das dann wohl spätestens aufklären😉

  4. Danke für die Kommentare, Olli & tellst!

    Naja, bei dem allergrößten Respekt für Timo’s Leistung. Aber dass er Macca hat weglaufen lassen, war genauso wenig Taktik, wie Raelert’s wegfahren lassen von Llanos. Mehr ging an der Stelle offenbar bei keinem der drei. Etwas Glück gehört einfach auch dazu, dass wie hier in diesem Fall, die zwei Führenden beide explodieren. Aber bei DEM Tempo (2:43 ist ja mal ’ne Ansage!) ist die Gefahr halt auch in der absoluten Weltspitze groß.

    Na wollen wir mal nix Böses sagen über diverse Pro- und AK-Athleten. Aber man kennt ja seine Pappenheimer. Ich kann von außen nicht sagen, wer in welcher Gruppe wieviel Führungsarbeit gemacht hat. Aber Fakt ist, dass ÜBERHAUPT das Thema Führungsarbeit aufkommt – ergo Windschatten gefahren wird (natürlich im legalisierten Bereich, ahem). Eine weitere nette Gruppe enthält die üblichen Verdächtigen der Top-Amateure + ein paar Pros (u.a. kommen Vytrisal, Mühlbauer, Anstett, Houzelle, Angst, Okyay und Büchler alle zusammen vom Rad). Und – suprise, surprise – laufen die dann fast alle mal eben einen 3 h-Marathon.
    Bin auch gespannt, warum Raphael und Fachbach aufgegeben haben.

  5. Hi Jörg,
    das würde mich auch mal brennend interessieren, wie solche Gruppen dort fahren. Wird wenigstens der Regel-Abstand eingehalten oder wird gnadenlos gelutscht?
    Bei manchem Wettkämpfen sieht man schon kleine Peletons auf der Radstrecke, in denen def. keine Windschattenbox mehr existiert.

    Gruß
    Olli

  6. Hi Olli
    Nachtrag nach Roth: Einmal mehr muss ich leider feststellen, dass GNADENLOS Windschatten gefahren wird. Dass das die schwächeren Amateure tun – OK. Haken dran. Aber direkt vorne die – nicht sehr vorbildlichen – Pros? Im Grunde kannst Du – von Normann und Pete und vielleicht ein paar „Ehrlichen“ abgesehen – alle in die Penalty Box schicken. Die reine Anzahl an Wettkampfrichtern auf Motorrädern war gefühlt ca. ein Drittel von Frankfurt – für deutlich mehr Athleten. Und auf der Strecke bei den Pulks habe ich komischerweise keine Kampfrichter erspähen können.
    Das Thema wird genauso halbherzig angegangen wie das Thema Doping. Und ich möchte mir gar nicht ausmalen, wenn die Athleten ähnlich damit umgehen…

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