Ermüdung kommt vom Hirn

In letzter Zeit häuften sich die Studien und Berichte darüber, dass Ermüdung vielleicht doch am Ende gar nichts mit dem Muskel zu tun hat, sondern vor allem mit dem Gehirn. Wer die sportwissenschaftliche und medizinische Literatur etwas verfolgt, dem konnte nicht entgehen, dass der Stand der Wissenschaft sich gerade in den vergangenen Monaten deutlich veränderte. Die Milchsäure (Laktat) war längst abgelöst als der „böse Bube“, der einen langsamer laufen lässt und schließlich „aufstellt“, zur Beendigung der sportlichen Aktivität zwingt. Im Gegenteil wurde Laktat als eine unglaublich rasch verfügbare Energiequelle entdeckt, die dem trainierten Körper direkt in der Zelle zur Verfügung steht.

Nun gibt es ausreichende Hinweise darauf, dass es am Ende des Tages wieder einmal das Gehirn ist, dass unsere Ausdauerleistung limitiert. Eine Forschungsgruppe um Emma Ross unternahm eine Studie mit trainierten (!) Läufern. Diese mussten 20 km auf Zeit in möglichst gleichbeleibendem Tempo laufen. Nach jeden 5 km wurde verschiedene Körper-Parameter gemessen. Die These lautete folgendermaßen (verkürzt und vereinfacht dargestellt): Wir messen die maximale Muskelkontraktion (Kraft – maximal voluntary muscle contractions = MVCs).  Wenn ein Muskel ausgeruht und frisch ist, erzeugt er eine gewisse Kraft X, wenn der Proband gebeten wird, den Muskel (quadriceps femoris in der Studie) maximal anzuspannen. Mit zunehmender Ermüdung des Muskels nimmt diese Kraft ab. Der Unterscheid zwischen der Maximalkraft in ausgeruhtem und ermüdetem Zustand zeigt den Grad der Ermüdung an. Die Frage ist nun: Warum nimmt sie ab?

Also haben die Forscher den Muskel immer wieder elektrisch stimuliert, um das Gehirn zu umgehen (das normalerweise den elektrischen Impuls zur Kontraktion sendet). Ergebnis: Der Muskel ließ NICHT nach, sondern funktionierte einwandfrei bei voller Kraft weiter bis zum Ende der 20 km und darüber hinaus, während alle Probanden gefühlt am Ende ihrer Kräfte waren und deutliche Leistungseinbußen hinnehmen mussten. Ergo ist es nicht der Muskel, der ermüdet, sondern unsere mentalen Kräfte sind am Ende und wir „geben auf“.

Das Ergebnis unterstreicht meine subjektive Beobachtung komplett: Wer gibt wie früh auf? Wie ticken die „Maschinen da vorn“?

Und selbstverständlich unterstreicht die Studie auch einen der aus meiner Sicht fundamentalen Trainingsfehler der meisten Athleten: Physisch wird trainiert bis zum Umfallen. Materialtechnisch sind alle auf dem neuesten Stand. Ernährungstechnisch lässt man nichts unversucht. Für alle diese Bereiche lässt man sich coachen. Aber im mentalen Bereich sind fast alle Athleten absolute Laien. Diesen Bereich trainieren die Wenigsten. Und diejenigen, die es tun, sind die wahren Profis!

Hier die Studie im Original für die Freaks (Medicine & Science in Sports & Exercise – Juni 2010, Volume 42, Issue 6, Seite 1184-1190)!

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