Trailcamp Gardasee

Die Gladiatoren auf dem Grat

Tja, was soll ich sagen. Ich habe in meinem Tagebuch Raum für sogenannte „Magic Moments“ – die fünf Tage in Riva del Garda waren wie ein langgezogener Magic Moment (oder eine Aneinanderreihung vieler MMs).

Nachdem ich am Dienstag-Abend spät mit dem Flieger aus Düsseldorf heimkehrte, musste ich am Mittwoch-Morgen packen und ein paar berufliche Dinge erldeigen, bevor ich Gege in Metzingen abholen konnte. Er hatte zur Begrüßung schon den ersten (von späteren vielen) italienischen Espresso parat und ein paar Panini für die Fahrt. Entgegen den Empfehlungen von Frau Navi nahm ich die A7 über den Fernpass und wir erreichten Riva punktgenau um 16:15 Uhr. Genug Zeit für einen weiteren Espresso und den Zimmer-Bezug. Wir hatten Einzelzimmer und ich konnte mal richtig durchschlafen – ein Traum. Auch der Blick runter zum See und überhaupt die Details dieses Hotels überzeugten auf ganzer Linie. Allerdings mit einer Ausnahme: Das WLAN ging gar nicht. Was für eine Horde web-affiner Trailrunner natürlich körperliche Schmerzen auslöste.

Um 17:00 Uhr dann die erste Lagebesprechung mit Generalfeldmarschall Denis Wischniewski und seiner Crew bestehend aus dem legendären Gripmaster (Stephan Repke) und dem obligatorischen Trailschnittchen (Julia Böttger) – die Frauenquote stimmte also auch. Leider sollte Denis krankheitsbedingt im weiteren Verlauf ausfallen, was der Organisation und dem Ablauf aber keinen Abbruch tat.

Um 17:45 Uhr ging’s dann los zu einem kleinen Prolog zur Kapelle „Santa Barbara“ hoch über Riva. Das war nach meiner kleinen Laufpause seit dem Halbmarathon in Schwäbisch-Gmünd genau das Richtige. Dabei konnte man schon die ersten „Kollegen“ persönlich kennen lernen und der abendliche Blick fast senkrecht hinunter nach Riva war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Mit Namensvetter Torsten Schneider (Marathon-PB: 2:34) genoss ich noch ein paar Extra-Höhenmeter, bis alle Schäfchen wieder unten angekommen waren. Anschließend versprach die Bestellung im Ristorante mit 33 Leuten ewig zu dauern. Genau so sollte es kommen, aber ausgerechnet die Italiener bekamen es hin, uns mit einer Hammer-Logistik und fast-food-verdächtigem Highspeed in der Auslieferung zu beeindrucken.

Donnerstag, 22.03.2012: Morgens gleich mal ein bißchen Yoga und ab in den Hotel-Pool. Dort treffe ich schon Trailschnittchen Julia Böttger, die gerade ihre 4000 m-Einheit beendet hat, als ich das ausreichend große Hallenbad betrete. So habe ich das Becken für mich und spule eine lockere Einheit ab als Ausgleich zum Laufen. Danach gleich das übliche Mega-Frühstück. Wie jeden Morgen geht es (mehr oder weniger pünktlich) um 10:00 Uhr am Hotel los. Die Ponale am Westufer des Sees hoch nach Pregasina und weiter zum Passo Rocchetta. Dort erstes längeres Warten, ein wenig Rumturnen und die Aussicht genießen.

Thomas, die Grazer Rakete, leichtfüßig tänzelnd auf dem Grat

Das war auch aus meiner Sicht der einzige größere Kritikpunkt dieses Trailcamps: Alle, mit denen ich gesprochen hatte, hatten eine Dreiteilung in Leistungsklassen erwartet (mit jeweils einem der drei Guides). Aber wir fuhren die demokratische Nummer und warteten immer auf alle. Das nervte ein wenig, denn man hatte – gerade an diesem ersten Tag – das Gefühl, mehr zu pausieren, als zu laufen. Zudem wurde man kalt, wenn man nicht bei jeder Pause gleich die Jacke rauskramen wollte…

Hoch oben auf dem Grat ging es über die Cima Nara (1376 m) und die Cima Bal (1260 m) in steilem Downhill zurück nach Pregasina (532 m). Eigentlich wäre es links hinter nach Biacesa gegangen, aber ich hatte in diesem Moment gerade wieder die Spitzengruppe eingeholt und die lief (mit Denis!) falsch. Aber so kamen wir sechs noch zu einem ausgezeichnetetn Kaffee im letzten Sonnenschein.

Anschließend genossen doch einige die wirklich guten Wellness-Einrichtungen unseres Hotels und man traf sich zum Fachsimpeln in der Sauna. Am Abend wurden dann zwei Tonnen Pizza bestellt und es war „Movie Night“ angesagt. Wir kamen in den Genuss, die erst zweite öffentliche Aufführung der TAR-Doku „Heaven and Hell“ erleben zu dürfen, bevor wir eine weitere (etwas düstere, aber unglaublich ehrliche) Dokumentation über die Trailrunning-Legende Marco Olmo anschauten. Diese hatte ihre Längen und das, gepaart mit der fortgeschrittenen Stunde, vielen Tages-Höhenmetern und den nur englisch verfügbaren Untertiteln führte zu vermehrtem Abwandern ins Bett.

Freitag, 23.03.2012: Zuerst mal „same procedure as every morning“. Um zehn wieder Start zur angeblich noch härteren Tagesetappe. Und tatsächlich sollte es an der Kapelle „Santa Barbara“ vorbei fast 1600 Höhenmeter am Stück sehr steil zur Cima SAT hinauf gehen. Wobei gehen das richtige Wort ist, denn es wurde in weiten Teilen zu einem gemütlichen Wanderschritt. Daher blieb ich dann für den Rest des Tages immer an den Pausenplätzen zurück, um dann die Meute wieder einzuholen. Das passte sehr gut. Nachdem der Sentiero 413 auf der Nordseite noch tief verschneit war, wichen wir auf den langgezogenen Grat aus und erreichten kurz vor drei Uhr die Cima Pari (1991 m). Von dort genossen wir einen herrlichen Rundblick, verpflegten uns und warteten einmal mehr auf alle Teilnehmer. Und jetzt kam’s: Der wohl genialste Lauf-Downhill meines Lebens!

Gripmaster und Torsten starten den Downhill als Letzte vor mir

Fast dreizehnhundert Höhenmeter Flow! Irgendwie folgte ich unserem Berliner Hamburger Dottore Torsten Niecke direttissima im weglosen Gelände. Das Schicksal meinte es besonders gut mit mir, denn kurz nachdem ich auf den „normalen“ Wanderweg 454 traf, optimierte einer der abgefahrendsten Downhiller, Rainer, seine Siebensachen um direkt vor mir den Trail zu betreten.  Das lud natürlich dazu ein, einfach mal dran zu bleiben. Nachdem Rainer einer dieser sehr schweigsamen, zurückhaltenden Gesellen ist, wusste ich ja noch nicht, was mich da erwartete. Grenzwertig, ich sag‘ nur: Grenzwertig! Im Mittelteil hielten wir kurz mal an und da rutschte es selbst Rainer raus: Grenzwertig! Wie in einem Computerspiel flogen die Lauffreunde nur so an uns vorbei. Es war die pure Freude! Unglaublich, aber wahr: Im unteren Teil holten wir doch die als unschlagbar geltenden Kamikaze-Dowhiller Thomas und Ruppi noch ein und mit denen absolvierte ich dann das letzte Sechstel der Strecke bis zur Albergo Pieve. Nach einer Coke und einem Kaffee holten uns die Shuttle-Busse ab und brachten uns zurück zum Hotel. Hossa, welch‘ ein Tag!

Nach dem Abendessen schauten wir uns eine kleine Gripmaster-Foto-Show an und die gesamte Staffel von „Kilian’s Quest“. Wer jetzt noch nicht total aufgehyped war, mit dem konnte etwas nicht stimmen.

Samstag, 24.03.2012: Wie immer sollte es um 10:00 Uhr losgehen. Nach einigem Hin- und Her lief eine kleine Gruppe mit Julia eine winzige Extrarunde und wir trafen die Anderen beim Foto-Shooting mit Stephan unten an der Ponale. Auch wir liefen einmal kurz für ein Foto. Gemeinsam mit Thomas machte ich mich aber noch einmal kurz auf nach Pregasina, um ein Käffchen in dieser herrlichen Ruhe und dem gigantischen Ausblick zu genießen. Torsten und Tom mit ihren Freundinnen kamen auch noch vorbei und als wir uns verabschiedeten, war es auch schon etwas knapp für die Nachmittagstour mit Grippi, Ruppi und Rainer. Naja, nach dem obligatorischen Saunagang gönnten wir uns einen weiteren Kaffee unten in Riva, bevor ich Gege zum Flughafen nach Verona fuhr. Nun war nur noch ein kleiner Rest übrig, mit dem wir uns einmal mehr die Bäuche bei unserem mittlerweile „Stamm-Italiener“ voll schlugen und anschließend noch in der Eisdiele Flora das beste Eis genehmigten, das für Geld auf diesem Planeten zu bekommen ist (Lieblings-Geschmacksrichtung der Meisten: Nutella!).

Sonntag, 25.03.2012: Nach dem Frühstück und Verabschiedung der kleinen Nachhut, Siebensachen packen und verladen. Andreas organsierte netterweise noch eine Karte für mich – das half. Ich fuhr zum „Einstieg“ nach Campi (668 m), um von dort allein zur Bocca di Trat (1581 m) und über das Rifugio „Nino Pernici“ rüber zum nächsten Pass (Bocca di Saval – 1720 m) über schwierigen, eisigen Trail zu laufen. Die 413 war dadurch nicht wirklich realistisch und so lief ich über die Westflanke hoch zur Cima Pari (1991 m), die wir ja schon vom Freitag kannten. Von dort ging’s anders herum nach Osten über den Grat zur Bocca Giumella (1410 m). Dann probierte ich den Sentiero „Rino Zanotti“ (417) aus und musste bei einigen vereisten Stellen ganz schön kraxeln, um über die Cima Valdes (1577 m) wieder hinunter zur Cima SAT (1246 m) zu gelangen. Von dort nahm ich den von Julia empfohlenen und hochgelobten Kamikaze-Downhill (418) hinunter zum Sentiero della Pinza und zurück nach Campi. Zurück zum Hotel und duschen. Leider waren die Ösis noch nicht wieder zurück oder schon wieder weg. Also Verpflegung im Coop kaufen (völlig natürlich an diesem Sonntag-Nachmittag) und dann in rekordverdächtigen 5:15 h zurück nach Hause. Dabei fällt auf, dass die Spaghettis a) keine besondere Tempobeschränkung in Tunnels haben, die b) deutlich heller als früher gestaltet haben und c) sich selbstverständlich ohenhin nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen halten. Ich passte mich dann einfach mal rasch an die „kulturellen Gepflogenheiten des Landes“ an und donnerte genau wie die Itas mit 150 km/h den Brenner hoch. Das half. Nur unterbrochen von kurzer Toilettenpause mit Kaffee und Apfelstrudel am Fernpass schaffte ich es bis halb zehn zurück nach Altentriet.

Fazit:

Ich hatte ja bei 480 Euro für drei Tage meine Bedenken (da kriege ich ja 10 Tage Malle „all in“). Aber wie so oft im Leben, muss man das Ganze als Investment sehen und da kann ich nur sagen: Das war ein unglaublich guter RoI! Jeder, der nicht mit dabei war, hat aus meiner Sicht etwas verpasst. Sicher gibt es die üblichen kleinen Kinderkrankheiten, aber das wäre auch seltsam, wenn schon beim ersten Mal alles perfekt wäre. Insbesondere haben mir die drei „Guides“ gefallen, allen voran der ultra-coole Gripmaster, an dem ich einen Narren gefressen habe. Toller Typ! Aber bei solchen Events ist natürlich immer sehr entscheidend, welche Menschen da als Teilnehmer antreten. Und das war für mich überraschend eine extrem gute Mischung. Sowas kann man nicht planen. Für mich persönlich besonders wertvoll war auch der Umstand, dass sehr viele sehr erfahrene Trailrunner mit dabei waren und ich sicher auch von dieser Seite viel mitnehmen konnte. Und schließlich sind das (ähnlich wie bei den Skitouren-Gehern auf irgendeiner Hütte) halt meist auch Naturburschen und damit meist sehr angenehme Zeitgenossen. Auch wenn’s ein bunter Haufen war, sind die Trailrunner tendenziell nicht so unfassbare Poser wie die Triathleten. Alles ist etwas gedämpfter, zurückhaltender und man muss bis zum letzten Tag warten, bevor man beim Kaffee erfährt, dass Thomas den Chiemgauer 100er (100 Meilen) 2011 in 24:07 mit 4½ h Vorsprung gewonnen hat, nebenbei aber auch noch promoviert ist und ein einfach umwerfend netter Junge. Das Hotel war bis auf das unfassbar lahme WLAN (sonst hätte es auch diesen Bericht viel früher gegeben) perfekt. Die Trailrunning-Möglichkeiten am Gardasee sind umwerfend, vor allem, wenn man schon ganz gut trainuert ist und genau die Sachen machen möchte, die man zuhause so nicht laufen kann. In a nutshell: Das Trailcamp am Gardasee war jeden Penny wert (und wer mich kennt, weiß, dass mir so ein ultimatives Lob eher selten über die Lippen kommt). Basta.

8 thoughts on “Trailcamp Gardasee

  1. Etliche der Trails kenne ich vom MTB-fahren. Einige der Ortsnamen von den Karten. Unglaublich, welche Reichweite Ihr zu Fuß hattet! Fast bis zum Tremalzo…

    Hast Du keine Muskelschmerzen vom Bergablaufen bekommen?

  2. Ja, wir sind einige der typischen MTB-Trails gelaufen, aber auch jede Menge Pfade, die absolut unfahrbar sind.
    Naja, wie beim Traillaufen üblich waren die Kilometerleistungen nicht wirklich so berauschend.
    Muskelschmerzen sind überbewertet, finde ich.😉
    Nee, ist wirklich eine reine Trainingsfrage. Zu Beginn spürt man’s noch ein wenig und nach drei Tagen donnerst Du im Tiefflug steil bergab und nichts haut Dich mehr um! Irgendwann werden sie dann natürlich schon mal müde…

  3. Pingback: Frühjahr am Gardasee

  4. Klasse ! die Gegend kenne ich gut, von unten „gesehen“🙂 schön zu lesen, bei dieser tollen Beschreibung hat man das Gefühl, mit dabei gewesen zu sein🙂 und die Fotos sind wirklich besonders gut gelungen…

  5. Ja der Gardasee ist einfach wunderschön, ob Sport, Kultur oder einfach nur Relaxen…. ein kleiner Tipp: auch im Winter ist der Gardasee ein tolles Reiseziel ! Weihnachtsmärkte in fast noch unentdeckten Bergdörfern, Glühwein, Kastanien und Strauben….und wenn es hier schneit erlebt man eine sonst mediterrane Lanschaft mit weißem Hütchen, herrlich !
    http://www.agriturismodagiovanni.de

  6. Hallo Jörg! Hast du GPS-Tracks von den Trails? Ich mache Urlaub am Gardasee im Sommer und bin auf der Suche nach guten Strecken. Viele Grüße Kerstin

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