Zugspitz Ultratrail 2012

Auf dem Weg zur Hämmermossalm (Bild: Freundin von Thomas Wagner)

Puuh. Ich bin jetzt noch ganz mitgenommen. Das vergangene Wochenende wird es ganz leicht in die Liste der „Magic Moments 2012“ schaffen.

Nachdem klar war, dass ich mehrere Tage hintereinander lang (> 2h) laufen kann, nämlich nach meinem Weihnachtsbesuch auf Tenereiffa, meldete ich mich zum Zugspitz Ultratrail 2012 an. Und da war klar, dass ich Ende Juni 100 km am Stück mit 5420 Höhenmetern im Auf- und Abstieg zu bewältigen haben würde. Wie trainiert man darauf? Ich hatte keine Ahnung. Von den Ironman-Triathlons wusste ich aber, dass man nicht alles so trainieren muss, wie man’s nachher im Rennen serviert bekommt. Von den Adventure Races wusste ich, wie es sich anfühlt, im Rennen sich auf Neues einzulassen und das damit verbundene Abenteuer zu genießen…und, dass es da einen Punkt gibt, an dem man es einfach nicht mehr genießen kann.

Toll war, dass im Voraus schon klar war, dass jede Menge Sportfreunde ebenfalls am Start sein würden (nun gut, eigentlich sollten es ein paar mehr sein, aber es überhaupt heil zur Startlinie zu schaffen, ist eben die allererste – und manchmal nicht geringste – Hürde). So waren mein Laufkamerad Uli Heim und ich auf dem Ultratrail unterwegs, während alle anderen sich mit dem Supertrail begnügten. Das hätte ich auch mal besser machen sollen…aber dazu später mehr…

Vor dem Start: Die Gardasee-Elite-Gang mit (v.l.n.r.) mir, Torsten Schneider und Thomas Wagner

Am Tag zuvor meldete sich Anja und berichtete, dass ihre Family doch nicht mitkommt zum Anfeuern und wir somit zusammen fahren konnten. Das war nett. In Grainau angekommen, gingen wir auch sogleich zum Check-in und holten unsere Startunterlagen ab. Da trafen wir auch die ersten bekannten Gesichter: Tom & Jerry alias Tom Dörner aus dem ach-so-grünen Ruhrgebiet und Sebastian Thiesen (irgendwie passt das Bild). Der Coolste aller Trailrunner, Stephan „Gripmaster“ Repke stand da auch rum in einem Pärchen nagelneuer Salomon Sense. In solchen Schuhen stehen sicher nur wenige Leute einen solchen 100 km-Lauf durch. Einer davon ist Thomas Wagner, den ich beim Gardasee-Trailcamp sofort als einen der talentiertesten Läufer identifiziert hatte, die ich bisher kennen lernen durfte. Nachdem er im letzten Jahr „nur“ einen 23. Platz in 14:14 hinlegte, bestätigte er dieses Jahr auf eindrucksvolle Weise meine Einschätzung und sein wahres Potenzial: Platz 3 overall in 13:07 – grandios!

Um im obigen Bild zu bleiben: Der Zweite im Bunde, dem ich letztes Jahr mehr zugetraut hätte, war Torsten Schneider aus Bonn. Ihn durfte ich schon am ersten Abend hoch zur Kapelle Santa Barbara in Riva kennen lernen und bekam 2:30 h-Marathon mit 15:47 h-Ultratrail nicht zusammen. Torsten lief wie Thomas ein absolut sensationelles Rennen und platzierte sich mit einer 14:18 auf Rang 9 overall. Wie man hier schon erkennen kann, sind die Zeiten aus dem letzten und diesem Jahr überhaupt nicht zu vergleichen. Schon der Sieger Julien Chorier (den ich ähnlich gut einschätze wie Miguel Heras) brauchte gleich mal eine ganze Stunde länger…hintenraus nimmt der Unterschied natürlich eher zu…

Danach ein kurzer Schlenker über die Expo, die sicher in Zukunft noch etwas wachsen darf. Aber auch hier war’s nett, mit Denis Wischniewski (Trail Magazin) und ein paar anderen Bekannten zu plaudern. Dann Pasta-Party: Überraschung! Normal geh‘ ich da ja gar nicht mehr hin, aber das war echt gut gemacht. Kein Anstehen, sehr ordentliche Nudeln mit Salat…alles gut. Zu Tom & Jerry und Anja gesellten sich noch Torsten Niecke aus Hamburg, Marc Forster, Torsten & Heide Schneider und später noch Uli & Olli sowie Andreas Thumm. Wow. Große Familie. Habe ich irgendjemand vergessen? Sorry. Fußball gucken musste dann nicht mehr sein. Lieber ab in die Pension, alles herrichten für den morgigen Lauf und ab ins Bettchen.

Um 04:20 Uhr klingelt der Wecker. Mein 80-jähriger Gastgeber lässt es sich nicht nehmen, extra für mich aufzustehen und mir pünktlich um 04:30 Uhr mein Frühstück zu richten. Welch‘ eine Einstellung! Da möchte man fast anfangen mit so Sprüchen wie „…die jungen Leute heute…“! Die gesamte Pflichtausrüstung wird nochmals gecheckt und in meinen Salomon AdvancedSkin 5 verstaut. Dann runter zum Start. Dort treffe ich gleich wieder die üblichen Verdächtigen. Torsten Niecke spendiert mir einen Kaffee, nachdem ich frühzeitig eingecheckt habe. Dann letzte Tipps von den Experten Torsten & Thomas (siehe Bild oben).

Start: Ganz rechts ich, daneben Torsten (Foto: Sportograf)

Pünktlich um 07:15 Uhr geht’s los. Zuerst hinter der lokalen Trachtengruppe, dann hinter dem Pacecar. Raus aus Grainau dürfen wir gleichmal über eine Kuhweide und die Mädels sind ganz durcheinander und laufen panisch umher. Dann hoch ins Höllental wird’s sofort ruhiger. Es dauert keine 5 km bis ich gänzlich allein im Wald laufe. Erster Verpflegungsposten am Eibsee nur ein wenig trinken und gleich weiter. Zu meiner Überraschung tauchen – obwohl ich gefühlt extrem defensiv und super-locker gelaufen bin – Torsten und Sebastian vor mir am Berg auf. Zusammen geht’s über die Grenze und im flotten Downhill hinter zur Talstation der Ehrwalder Zugspitzbahn (VP2). Grippi taucht mitten im Wald auf und läuft ein paar Meter mit der Steadycam mit. Überraschenderweise liegen wir da schon alle in den Top 10. Uh oh…noch defensiver laufen? Nur sechs Minuten zur Spitze? Yep. Ich lasse das rheinische Duo Torsten & Sebastian laufen. Auf wunderschönen Singletrails geht’s zur Ehrwalder Alm und zur Pestkapelle (VP3). Alles easy-peasy. Hinauf zum Feldernjöchl spüre ich zum ersten Mal etwas wie Anstrengung…aber irgendwie macht da noch alles sehr viel Spaß. Dann wird’s alpin: Traumhafte Ausblicke und steile, schroffe Felsen. Glücklicherweise hängt die Wolke fest verankert im Wettersteingebirge. So ist es angenehm kühl. Ich laufe wieder auf T&S auf…und sie laufen wieder davon. Das geht noch ein paar Mal so. Ich versuche, mich nicht von deren Tempo beeinflussen zu lassen, sondern strikt nach meinem Gefühl von „locker“ zu laufen. Und, hey, ich bin in den Top 10 und damit deutlich besser platziert, als je gedacht. Das muss ich jetzt „nur“ halten, dann ist das eine Sensation!

Auf dem Weg zum Feldernjöchl (Bild: Lars Schneider)

An der Hämmermossalm (km 42/VP4) nehme ich mir mehr Zeit, esse ausgiebig und genieße das Gespräch mit den Leuten. Seine Freundin berichtet mir, dass Thomas da schon auf Platz 3 unterwegs ist – Bombe! Zwei Kilometer weiter laufe ich wieder auf den T&S-Express auf – sie ziehen sofort das Tempo an und sind wieder weg… ;-)  Unterwegs begegne ich Uli Calmbach, der gemütlich eine Rast eingelegt hat und uns anfeuert. Zu meinem Erstaunen treffe ich ihn zwei Stunden später an anderer Stelle wieder. Er berichtet, dass er in zwei Wochen in Andorra läuft und deshalb an diesem Tag nur eine Trainingsrunde dreht statt wie angekündigt das Rennen zu laufen. Auf traumhaften Wegen geht’s hoch zum Scharnitzjoch und hinunter in die Leutasch zum VP5 in Reindlau. Gleiches Spiel: Ich treffe wieder T&S beim Essen an und jetzt wirkt Torsten schon etwas genervt und bricht sofort auf…er gesteht mir im Ziel, dass er Angst hatte, dass ich tatsächlich schneller unterwegs sein könnte.

Kurz darauf kommt mir Denis entgegen gejoggt und meint nur lächelnd „Alter… Platz 10!“. Da war die Welt noch in Ordnung. Dann kam aber diese unsägliche, lange und recht langweilige Forst-Autobahn nach Mittenwald und dann nachher vom Ferchensee zum Kälbersteig. Warum auch immer (ich habe immer noch keine Erklärung dafür) legte da irgendwer bei mir einen Schalter um. Hitze? Dehydration? Öde? Einsamkeit? Jedenfalls tat ich mich schwer, irgendwelche Energie zu mir zu nehmen und konnte auch nur noch Wasser runter kriegen (wenigstens das!). Wie auch immer: Ich fiel in ein TIEFES, SCHWARZES LOCH. Und leider sollte ich da auch die nächsten drei Stunden nicht mehr rauskommen. Rüdiger, den ich zuletzt bei km 25 gesehen habe, überholt mich bei km 75 und muntert mich etwas auf. Den Kälbersteig runter laufen mir selbst die Letzten des Supertrail-Felds davon (no offense!). Spätestens da wird einem klar, dass man langsam unterwegs ist…

Nach unendlicher Qual erreiche ich mit Müh und Not das Kreuzeck (VP8). Dort haben sich Tom Dörner und Heide Schneider gemütlich zum Picknick niedergelassen, hauen aber auch ab, als sie mich sehen. ;-)  Thomas Hirth kommt gerade nach der Schleife um den Osterfelder Kopf zurück und macht sich auf den finalen Downhill. Endlich kann ich wieder etwas zu mir nehmen. Ich nutze das für eine ausgiebeige Rast und ein herzhaftes Essen. Auf dem Weg zum letzten Gipfel spüre ich, wie wieder Leben in meinen zombiehaften Körper zurückkehrt. Nach ein paar Metern mit Heide überhole ich Tom am höchsten Punkt und beginne, wieder die Welt zu genießen. Grippi macht noch einen flotten Spruch an einem herrlichen Fleck am Hang mit den Jungs von der Bergwacht in der gerade untergehenden Sonne. Yieeeehaaa! Jetzt geht’s auf den finalen Downhill. Leider stolpere ich im schon dunklen Wald – just in dem Moment, als ich meine Stirnlampe aufziehen will. Oh well, ein paar Hautabschürfungen, ein bißchen Blut, nichts Ernstes. Der finale Singletrail im stockdunklen Wald ist echt schwierig zu laufen.

Zielbogen vor Bergpanorama mit Johanni-Feuern (Bild: Sportograf)

Wunderschön ist die Stimmung: Die Jungs von der Bergwacht haben sich überall im Wald für die Nacht eingerichtet, haben Johanni-Feuer angezündet und freuen sich, wenn wieder einer der flotteren Ultras vorbeirauscht. Unten in Grainau bleiben all‘ die älteren Pärchen stehen und beklatschen die durch die Dunkelheit wandelnden Läufer. Und dann ist es auch plötzlich da, das Ziel. Schön, dass es nach dem endlos scheinenden, alle Energie aufsaugenden Schwarzen Loch doch noch die letzten Kilometer etwas bergauf ging mit meinem Körper und meinem Geist. Thea kommt mich begrüßen und wir fallen uns in die Arme. Auf diesen Moment habe ich mich sehr gefreut. Anja, Sebastian Thiesen, Thomas Wagner und Olli empfangen mich und gratulieren mir. Danke. It means a lot to me. Really!

Im Ziel (Bild: Sportograf)

Dann ein wenig essen, Anja zurück bringen und ab in die Pension. Nach einer schönen, heißen Dusche und einer leichten Massage ab ins Bett.

Am Morgen nach dem Frühstück runter zur Siegerehrung. Anja hat nur knapp einen Podestplatz verfehlt – trotzdem ganz starke Leistung. Ich hab’s ja auch versemmelt durch meinen Durchhänger von ca. km 65 bis km 90. Einzig Torsten darf sich als Zweiter der Master Men feiern lassen und Uli als ebenfalls Zweiter der Senior Master Men. Und natürlich nicht zu vergessen Thomas als Dritter overall. Ganz großes Kino! Meinen allergrößten Respekt habt Ihr allerdings alle verdient, die Ihr es zum Finish geschafft habt!

Zum Abschluss treffen wir uns noch mit Tom & Jerry zum Lunch und gehen danach chillen und baden am Eibsee. Nach Kaffe und Kuchen machen wir uns schließlich auf den Heimweg – nach einem unvergesslichen Wochenende.

14 thoughts on “Zugspitz Ultratrail 2012

  1. Danke Jörg, für diesen tollen Bericht.
    Glückwunsch zum Finish und den vielen Eindrücken.
    Ich hatte auch diesen besch*** Einbruch entlang der Leutascher Ache, aber am Ende ist auch das vergessen.

    Viele Grüße

    Steve

  2. War mir eine Freude, Deinen Blog zu lesen und ein paar Meter mit Dir um die Alpspitz zu plaudern, Herr Schneider.😉 Liebe Gruesse das T von T&S liegt schon im Bett und da gehe ich jetzt auch hin. Gute Nacht an alle. Heide

  3. Respekt, für Deinen ehrlichen Bericht.
    Aber ehrlich, doch eine tolle Leistung für deinem ersten gaaaaanz langen Trail- Wettkampf, oder!? Was ist eigentlich mit Frank und Dir in Bezug auf den TAR?

  4. @Alex: Gar keine Frage. Das war eine sehr ordentliche Leistung für meinen ersten 100er. Und bis auf das Daylight-Finish habe ich ja auch alle meine internen Ziele erreicht. Aber die drei Stunden „Schwarzes Loch“ habe ich als so extrem schrecklich empfunden, dass ich mir überlege, wie ich damit in Zukunft umgehe.
    Nein, Du hast völlig recht: Über einen 17. Platz overall braucht man sich nun wirklich nicht schämen. Zumal meine „Vergleichsgruppe“ ja alle viel mehr Erfahrung hat und letztes Jahr eher schwächere Ergebnisse hingelegt hat.
    Von Frank habe ich immer noch kein Update bzgl. TAR.

  5. Gratulation für die Hammerzeit und Platz……für die Forstautobahn aus der Leutasch gibt es eine einfache erklärung .“ es gibt keinen anderen Weg“ aus dem tal raus…….für ferchensee zum Kalbersteig ist der Grund dass der Bund naturschutz den Schützensteig der unterhalb des wettersteins langzieht nicht genehmigt.

  6. Danke für Deinen Kommentar, Wolfgang.
    Was ist mit dem Franzosensteig. Vor ein paar Jahren hat Robert Pollhammer mal ein Adventure Race dort organisiert, da sind wir in andere Richtung den Franzosensteig runter – der war saugeil!
    Das mit dem Schützensteig habe ich schon gehört. Aber da ist man ja wohl eh‘ schon dran an dem Thema.
    Ich meine: Ich habe praktisch VON JEDEM, mit dem ich mich zu dem Thema ausgetauscht habe, das Gleiche gehört. Da gibt es Konsens. Die Gegend gibt es ja her und bietet so viel…und der Rest passt ja auch!

  7. mal wieder wie gewohnt ein sehr guter Bericht Jörg! Und zur Leistung kann ich mich den anderen Kommentaren nur anschliessen. Solch einen hammer langer Wettkampf erstmal zu überstehen und dann auch noch mit Platz 17 – Spitze! Leider konnte ich aufgrund von familären Verpflichtungen nicht schon einen Tag früher zur Zugspitze kommen. Hätte es mir gerne angeschaut….

    • Wäre sicher super gewesen, wenn Ihr das geschafft hättet, Frank. Auch so als Inspiration. Aber heute Abend gibt’s bei mir auch ein paar nette, kleine Trailrunning-Filme zur Inspiration. Freu‘ mich, dass Ihr kommen könnt!

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