Dirty Race vierzehn 2015

Jörg Schneider Multisport Blog

 „Tough enough?“ hieß die Standardfrage vor der 14. Auflage des zwischenzeitlich zu einer Art Kult-Event avancierten Veranstaltung in Murr an der Murr „on the other side of town“. Und dieses Jahr sollte dies nicht nur eine lapidare Floskel darstellen, sondern eine besondere Wahrheit enthalten. Anno domini 2015 musste man wirklich tough sein, um dieses Rennen zu finishen. Nur die Harten kamen mal wieder in den vielzitierten Garten, den Garten der Lebensfreude, die aus Selbstüberwindung und dem Sieg über den inneren Schweinehund und äußere Bedingungen entsteht. Unter der Dusche startete ich eine Mini-Umfrage und alle waren sich einig, dass dies die härtesten Bedingungen waren, die es je bei einem Dirty Race gegeben hatte. Später bei der Siegerehrung sollte auch der Sieger Felix Schumann in das gleiche Horn blasen. Es war HART!

Im Grunde begann alles viel besser als erwartet. Es hatte aufgehört zu schneien, die wunderschön hügelige Landschaft nördlich von Stuttgart lag unter einer weißen Decke. Und dann kam auch noch pünktlich vor dem Start die Sonne raus. Perfekte Bedingungen für die wieder einmal zahlreich gekommenen Zuschauer und die Fotografen (ich hoffe, dass es da morgen noch gutes Bildmaterial gibt). Am Start hörte ich dann auch noch mehrere Zuschauer sagen, wie warm es denn sei. Naja, wenn man 2-3°C als warm bezeichnen möchte…aber subjektiv war es in der Sonne schon angenehm. Bis, ja bis die Nässe in die Laufschuhe drang…

Dirty Race Start Jörg Schneider Multisport Blog

Ich kann mir kaum vorstellen, mit wie wenig Training ich vor zehn Jahren (meiner ersten Teilnahme beim Dirty Race – 2005, noch bevor ich wieder mit Triathlon anfing) als Mittdreißiger in der Lage war, genau so schnell radzufahren wie Sebi Kienle. Unfassbar! Okay, seine Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren kann sicher auch nur mit der Vokabel „kometenhaft“ umschrieben werden, während es körpertechnisch ab 35 schon steil bergab geht.

Aber zurück zum Rennen. Der Start und die erste Platzrunde verlief unspektakulär. Wie immer wurde sowas von brutal hart angelaufen, dass ich mich gleich mal ins „zweite Glied“ einfügen durfte. Aber zumindest „ging was“, wenngleich mein erster Laufsplit von 18:14 nicht berauschend war für die eröffnenden 5k. Aber schon hier zeigte sich durch Schneereste, tiefe Schlammlöcher und die durch die DS Racer dringende kalte Nässe, dass die Gegebenheiten 2015 wirklich härter als normal sein sollten.

Dirty Race 2015 Startnummer Jörg Schneider Multisport Blog

Wie auch immer. Zurück in der T1 ein flotter Wechsel und ab auf’s Bike. Ich war gefühlt noch „grob vorn dabei“, selbst Felix war noch nicht am Horizont entflohen. So war die Strecke auch nicht so überfüllt wie im letzten Jahr und ich kam an den technisch schwierigen Passagen recht gut durch, während sich links und rechts die Kollegen auf die Nase legten. Das machte richtig Spaß.

Bei der Siegerehrung wurde Felix gefragt, was er von der Strecke hielt und abgesehen von dem Statement, dass es die schwersten Bedingungen gewesen wären, bemerkte er, wie er als guter Biker so etwas natürlich sehr liebe, aber wehe, wenn sich jemand die Knochen brechen würde, dann wäre wahrscheinlich das Geschrei groß. Hierzu sei mir eine Anmerkung erlaubt: Wann passieren denn in großer Linie Unfälle? Erfahrungsgemäß in genau zwei Fällen: (1) Wenn wir der Herausforderung nicht gewachsen sind -> das muss dann eben jeder für sich selbst vorher abklären bzw. einfach schieben an den schwierigen Passagen. (2) Wenn wir nicht mit unserer vollen Aufmerksamkeit bei der Sache sind, wenn wir abgelenkt sind. Und genau dies ist in so einer Renn-Situation eben nicht der Fall.  Das ist aus meiner Sicht auch einer der vielen (meist unbewussten) Gründe, warum sich so viele Menschen solch schwierigen Aufgaben stellen. Man ist im Flow, wie es Cihály Csíkszentmihályi bereits 1975 so schön formulierte, man geht vollkommen in der einen Sache auf, die man gerade tut. Genau das empfand ich gestern – speziell auf der Radstrecke. Auf der einen Seite war es unangenehm, wie die Nässe und die Kälte langsam durch jede Ritze drang, wie das kalte Wasser in den Radschuhen stand. Auf der anderen Seite gibt es eben für mich (auch aus professioneller Sicht) nichts Schöneres, als intrinsich motiviert (niemand zwang uns!) etwas außerordentlich herausforderndes zu tun, das man gerade noch so in der Lage ist, zu meistern. Zu meiner Überraschung gelang mir das auch besser als meiner Peer Group. Das überaus gute Bike (Grand Canyon CF SLX 29) mit einer guten Reifenwahl (Rocket Ron 2,25“ vorn und Racing Ralph 2,3“ hinten) und geschmeidigen 1,6 bar taten das ihrige. Zum Frohlocken reichte es dann aber doch gerade nicht mehr…🙂

Dirty Race Bike Schlamm Jörg Schneider Multisport Blog

Anders als im vergangenen Jahr, war viel mehr Wasser auf der Strecke. Das hatte den Vorteil, dass der Matsch nicht so am Rad kleben blieb. Auf der anderen Seite verwandelte das Schmelzwasser (3°C und Sonnenschein!) viele Wege in einen einzigen Bachlauf…und da mussten wir durch. Auf der ersten Runde war noch sehr viel Schnee in den Goldäckern und nachher in den Streuobstwiesen; die zweite Runde fand ich fast leichter zu fahren. Die Spurrinnen waren ausgefahrener und besser zu halten, die Linie war klarer. Die Hände und Füße waren zwischenzeitlich zu Eisklötzen gefroren und zurück in der T2 hatte ich meine Schwierigkeiten, die Schuhe zu wechseln und den Helmriemen aufzukriegen. Aber schließlich war auch das geschafft und ich lief mit zwei weiteren Kollegen auf die abschließende Vier-Kilometer-Runde hinaus. Beide setzten sich gleich mal 50  Meter ab. Aber während der Eine diesen Abstand konstant halten konnte, sammelte ich den Zweiten nach der Hälfte ein. Überhaupt bemerkte ich jetzt nicht nur die kalten Füße, sondern dass auch meine ganzen Beine gefroren schienen und nicht so recht laufen wollten. Naja, was kann man tun? Ich lief dann die zweite Schleife in trotzdem ganz ordentlichen 14:13 nach Hause und wollte nur eines: Möglichst schnell unter eine heiße Dusche! Glücklicherweise ist es in Murr von der Ziellinie zu einem Becher „Heißgetränk“ nur ungefähr zehn Meter und weitere 20 Meter zur Dusche. Dann Rad auschecken. Am Kärcher-Radreinigungsplatz standen mir zu viele Leute an und es war mir immer noch kalt. Jetzt stellte sich natürlich die Frage, was man in den 1½ Stunden bis zur (viel zu späten) Siegerehrung bei der Kälte anfangen sollte. Denn ich hatte schon auf der Ergebnisliste gespickt und gesehen, dass ich dieses Jahr in „Normalform“ dann doch eher überlegen die AK gewonnen hatte. Das Einzige, was mir zur Überbrückung einfiel, war, einkaufen zu gehen. Schade, das mit der Siegerehrung hat dann doch ein wenig Optimierungsbedarf, denn da bleiben natürlich nur die paar Jungs und Mädels, die es auf’s Podium geschafft haben.

Dirty Race 2015  Jörg Schneider Multisport Blog

Unerwartet lohnte sich (außer dem „Season Opener“ und einer weiteren Kaffeetasse – s.o.) das Warten auf die Ehrenbezeugung dann aber doch. Im „Kälte-Delirium“ muss ich wohl die falschen Schuhe eingepackt haben (und tatsächlich sahen die Mizunos erschreckend identisch aus wie meine Asics DS Racer). Ein kleiner Fehler…und ich hätte ein Paar unpassende, dreckige Laufschuhe mitgenommen. Aber dann ergab sich eine unglaublich Verquickung von Umständen und Zufällen, die ich jetzt noch nicht glauben kann. Ich zermarterte mir auch fast die gesamte Heimfahrt mein Hirn mit der Frage, wann und wie die Verwechslung und der Austausch stattgefunden haben muss. Anyway. Der Chef-Organisator und Master of the Ceremony, Achim Seiter, kennt mich ja (u.a. auch von diesem Blog). Ein Kollege, dem die Mizunos gehörten, sah ebenfalls die Ähnlichkeit und da seine Schuhe fehlten, nahm er mit dieser Annahme meine Asics mit und zeigte sie Achim. Der wiederum zählte Eins und Eins zusammen, spekulierte, dass das „JS“ auf der Ferse vielleicht für „Jörg Schneider“ stehen könnte und fragte mich auf der Bühne danach. Und so konnten wir auch dieses kleine Problem lösen und zwei frohe Schuhbesitzer konnten mit ihren Schuhen heimfahren (ich möchte meine DS Racer nicht missen – der perfekte Wettkampfschuh).

Race Stats:

  • Wetter: Neuschnee, Sonne-Wolken-Mix, Westwind bei 2-3°C
  • Strecke: 5k Run – 15k Bike – 4k Run
  • Zeiten: 18:14 (Run 1) – 42:55 (Bike) – 15:18 (Run 2) = 1:16:26
  • Platzierung: 13. Platz (1. M45)
  • Equipment: Asics DS Racer Laufschuhe, Shimano Winterradschuhe, Casco Ares Helm, Grand Canyon CF SLX 29 Bike
  • Ergebnislisten gibt’s hier!
  • Bericht von tri2be gibt’s hier!
  • Bericht der Marbacher Zeitung gibt’s hier!
  • Bildergalerie gibt’s hier!

One thought on “Dirty Race vierzehn 2015

  1. Pingback: How tough can you get? | Modou Fall

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