IRONMAN Austria 2015 – der Rennbericht

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Einstiegsfrage (beim professionellen Speaking wird gern der Vortrag mit einer Frage ans Publikum begonnen, um diese zu aktivieren): Was hat Wladimir Klitschko mit Onkel Jörgi zu tun? Die Antwort findet Ihr weiter unten bei ca. km 110 auf dem Rad…😉

Nachdem meine Vorbereitung einmal mehr suboptimal verlief, ich im Prinzip seit Ende März nicht laufen konnte und die drei Wochen zwischen IM 70.3 Kraichgau und dem IM Klagenfurt mit praktisch null Training und einem „complete system shut-down“ im Desaster endeten, ging ich mit sehr gedämpften Erwartungen in das Rennen. Die sub-9 hatte ich mir ja nach der langen Laufpause eh abgeschminkt. Das nächste Ziel nach unten war eine Podiums-Platzierung in der Agegroup, was ebenfalls  schon als völlig unrealistisch abgehakt wurde. Dann kam natürlich die Hawaii-Quali, die ich aber auch schon davonschwimmen sah. Und das unterste Ziel war das Finish. So dreckig, wie es mir noch am letzten Wochenende ging, sah ich selbst dieses Minimalziel als nur mit starkem Kopf und viel Leidenswillen erreichbar an. Aber es sollte zum Glück alles ganz anders kommen…

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Angekommen in Klagenfurt bezog ich zuerst einmal meine hübsche kleine Pension nahe zum Zentrum des Geschehens und fühlte mich mit den Gastgebern Aneglika & Manfred (plus Kids Sabrina & Alex) gleich wohl. Die ganze Familie ist im Ironman-Zirkus eingespannt und Angelika managt mit ihrem Team die Zielverpflegung. Dann Startunterlagen abholen und abends zur Pasty-Party. Alles gewohnt professionell organisiert. Einer der schönen Nebeneffekte der internationalen Triathlon-Reisen sind die schönen Bekanntschaften, die man entlang des Weges so macht. Das genieße ich schon sehr.

Am Samstag-Morgen dann ein Antesten des abgefahren schönen Wörthersees. Er ist tatsächlich deutlich frischer als „normal“. Es wird dann auch – sogar für die Profis, dank sub-22°C – mit Neo geschwommen. Dann direkt gegenüber zur Wettkampf-Besprechung im IRONDOME. Es war diesmal gut, das anzuhören. Außerdem traf ich Gunter und Silke aus Kirchheim/Teck. Gunter hatte selbst „die Seuche“ über den Winter und kann erst seit kurzem wieder schmerzfrei trainieren. Dem enstprechend war er nur als Zuschauer und Support Crew mit angereist. Demnächst gibt es daher wohl auch ein paar hübsche Fotos von mir und ich bekam wenigstens eine grobe Rückmeldung, wo ich so stand (da ich wie gewohnt „ohne alles“ startete und mich nach Gefühl pacete). Was ein gutes Körpergefühl bringen kann (bis zum Einbruch mangels Lauftraining nach dem HM), sieht man an den Teilsplits: 15. Schwimmzeit, 4. Radzeit, 3. Laufzeit.

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Ein Coffee Boat wie in Kona gab’s auch und die gesamte Atmosphäre empfand ich als sehr relaxed. Trotz des großen Fragezeichens machte ich mich nicht verrückt und vertraute auf meine mentalen Fähigkeiten und „the magic“, mit dem man sich manchmal in den hoffnungslosesten Situationen selbst überraschen kann.

Dann noch den Rest des Tages gechillt und abends spät das Rad eingecheckt. Das ging ebenfalls wieder super smooth und tiefenentspannt. Extrem freundliche Helfer. Alles sehr emotional, obwohl es nun nicht mein erster Triathlon war und auch nicht mein erster IRONMAN. Ich kann gut nachvollziehen, wenn das andere Menschen nicht verstehen können, aber genau diese emotionalen Momente, in denen Onkel Jörgi mal wieder feuchte Augen bekommt (wie jetzt gerade wieder – wenn ich nur daran denke), sind das Besondere an diesen Events. Das kann man einfach nicht beschreiben. Diese tief empfundene Dankbarkeit für jeden einzelnen der fast 3000 freiwilligen Helfer. Die netten Bekanntschaften mit anderen Athleten und die Kollegialität untereinander (z.B. beim gegenseitigen Aufpumpen der Reifen am Renn-Morgen). Die Energie mancher Zuschauer, die einen so frenetisch anfeuern, dass man wirklich die Energie spüren und aufnehmen kann. Fantastisch und unberscheiblich!

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Nach einem leckeren Dinner, das nach der obligatorischen Pasta mit Haselnuss-Palatschinke und einem guten Espresse beendet wurde, ging es früh ins Bettchen. Und nach sehr gutem Schlaf wachte ich wieder einmal drei Minuten vor meinem Wecker auf. Stilles Frühstück. Netterweise fuhren sowohl Manfred, als auch Alex mit den Autos zum Rennstart und luden mich direkt an der Wechselzone ab. Perfekt. Wenn ich irgendwo in der Gegend wohnen würde, würde ich mir diesen Rennstart auch nicht entgehen lassen (einfach noch mal viel schöner als in FFM oder Roth, wo ich das ja schon viele Male erlebt habe).

Wechselzone herrichten, Schwimmausstieg anschauen. Ich bin unüblich früh dran und eine ganze Stunde vor dem Profi-Start am See. Bißchen chillen, dann treffe ich glücklicherweise Gunter und Silke wieder. Er kann dann die Streetwear-Beutel abliefern und wir können so lange wie möglich in den warmen Klamotten verweilen, bevor wir uns in den Neo zwängen. Dann geht alles sehr schnell. Die männlichen Profis starten um 06:40 Uhr, zwei Minuten später die Damen und wir in der „Schnellen Welle“ um 06:50 Uhr. Geile Stimmung. Der Helikopter über uns, die Drohne vor uns über dem Wasser schwebend, die 400 Männer und Frauen der ersten Amateur-Startwelle am Strand (Landstart!). Technisch gesehen haben wir da natürlich einfach mal 150 Meter mehr zu schwimmen als die Profis. Hm?!

Das Schwimmen ist ein Traum. Right up there with Kona. Irgendwie fühle ich mich dann doch recht schnell im Wettkampf-Modus wieder und erfreue mich an dem schönen Wasser. Wissend, was da noch kommt, schwimme ich recht entspannt in meiner Gruppe, versuche die Füße des Vordermannes nicht zu verlieren. Der Rückweg zum Lendkanal ist Blindflug. Ich vertraue einfach, dass vorn jemand weiß, wo es hingeht, denn gegen die aufgehende Sonne im gleissenden Morgenlicht ist einfach nichts zu erkennen. Dann sehr schön durch den Kanal mit den anfeuernden Zuschauern auf beiden Seiten. Irgendwie geht mir das plötzlich zu schnell und ich bin schon am Ausstieg. Freundliche Helfer ziehen einen gekonnt an Land, dann der lange Weg rüber zur Wechselzone. Flotter Wechsel und dann geht’s erstmal im noch kühlen Schatten am Südufer entlang nach Velden. Alles läuft sehr glatt und ich fühle mich wohl – ein gutes Zeichen! Die Verpflegung läuft auch völlig unproblematisch, aber das ist ja auch kein großes Wunder, denn ich habe mich für die gute, alte „Thomas Hellriegel-Technik“ entschieden. So trinke ich bis km 150 auf dem Rad nur Wasser und Iso und esse gar nichts. Dann nehme ich bis zum Radziel zwei Schlucke aus meiner Gel-Flasche – das ist es dann aber auch. Alles andere läuft auf Fettverbrennung. Bei km 110 dann ein kleines Malheur: Eine Biene fliegt mir ganz dumm geradewegs in den Mund. Instinktiv versuche ich sie sofort auszuspucken, aber da ist es schon zu spät. Auf dem Weg nach draußen sticht sie mich in die Unterlippe. Der gewohnte, stechende Schmerz. Jetzt nur keine Panik. Die Lippe schwillt sofort stark an und ich komme mir vor wie Wladimir Klitschko nach einem ordentlichen Treffer auf die Lippe. Der Schmerz lässt aber rasch nach und erstaunlicherweise lässt auch schon während des Rennes die Schwellung nach. Trotz Zurückhaltung und Pacing nach Gefühl tut der Rupertiberg in der zweiten Runde schon weh. Aber dann geht es ja doch recht flüssig tendenziell bergab Richtung T2. Dort ein weiteres Novum für mich: Ich muss einen Dixie-Stop einlegen (der sich schon längere Zeit ankündigte, aber ich dachte, dass ich in der T2 am wenigsten Zeit verliere). Durch die schnelle Startwelle ist das natürlich in der Wechselzone und auch auf der ersten Laufrunde ein Traum, weil sehr leer. Ich laufe flott, aber kontrolliert los, sammle nach und nach ein paar Profi-Damen ein und lande dann bei km 14 bei der „Grande Dame“ Erika Czomor, die hier auch schon mal overall gewonnen hat (und immer noch starke sechste Frau nicht viel hinter mir wird). Irgendwann höre ich immer lauter werdendes Aufbrausen von Jubel und kann mir erst keinen Reim darauf machen. Aber dann kommen die „Marino, Marino-Rufe“ immer näher und schließlich ist der Führungsradler und das Kamera-Motorrad neben mir. Da ich mich immer noch recht gut fühle und flüssig laufen kann, braucht Marino trotz eines bärenstarken 2:45 h-Marathons geschlagene drei Kilometer, um aufzuschließen. An der nächsten Verpflegungsstelle lasse ich ihm natürlich den Vortritt und werde mit Nicht-Beachtung bestraft. Bei dieser und der nächsten Essensausgabe gehe ich weitgehend leer aus, da sich alle auf Marino stürzen und mich ganz vergessen. Ein echter Nachteil, da die Kinder plötzlich wie ein Reh im Scheinwerferlicht dastehen und jede weitere Handlung einstellen. Optimierungsbedarf! Ich bin dann sogar in der ORF Live-Coverage neben Marino laufend zu sehen (mann muss dazu sagen: Er war ja da schon eine Runde weiter und ziemlich fertig und mir ging’s in meiner ersten Hälfte ja noch gut). Dann kam, was zu erwarten war: Beim zweiten Halbmarathon kann man sich ja ohnehin auf Schmerzen einstellen, aber „mit ohne Laufen“ ist das eine ziemliche Leidensnummer! Ich gehe dann hintenraus nochmal ziemlich an mene Grenzen, wahrscheinlich so weit, wie ich noch nie gegangen bin. Der letzte Kilometer dauert eine gefühlte Ewigkeit. Aber irgendwann bin ich dann unten am See und zweige links in den langen Zielkanal ein. Das ist dann tatsächlich nochmal so etwas wie Genuss. Ein schöner, bewegender Moment. Nach der Ziellinie bin ich aber dann doch froh für die freundliche Helferin, die mich auf den Beinen hält und mich die drei Schritte rüber zur ersten Zielverpflegung bringt. Dann treffe ich Gunter, der netterweise gleich mal auf den Live-Ticker schaut und mich mit der Nachricht vom Podium-Finish und dem Kona-Slot erfreut. Dann lege ich mich erstmal bei den Docs eine Weile hin, bis ich wieder halbwegs geradeaus gehen kann. Im Zelt wartet dann schon meine ganze Gastfamilie plus Doris und nach ausgiebiger Verpflegung fährt mich Alex nach Hause. Duschen, schlafen.

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Um kurz nach elf stehe ich wieder auf, richte mich her und fahre nochmal rüber zur Finisline-Party. Riesen Stimmung und nochmal Tränchen. Die letzten Athleten ins Ziel kommen zu sehen ist einfach herzergreifend. Nach dem abschließenden Feuerwerk gleich ab ins Bett.

What a day! Magic! Es sind diese Tage, die man sein Lebtag nicht vergisst und für die es wert ist, zu leben.

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