IRONMAN Hawaii 2015 – der Rennbericht

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Willkommen zum Geburtsplatz des IRONMAN-Triathlon (Foto: Ironman). Nun ist es also Geschichte, das Rennen aller Rennen. Ein wahrlich epischer Tag erwartete uns 2.300 Athleten an diesem 10. Oktober 2015. Dieser Tag begann, wie praktisch alle Tage beginnen, an denen man so etwas wie einen IRONMAN macht. Vier Uhr aufstehen, kurzes Frühstück. Für mich mein Achillessehnen-Stretching und meine Yoga-Routine. Dann die Siebensachen packen und Crosscheck mit den WG-Kollegen. Wir haben alles dabei. Es kann los gehen. Wie erwartet ist unüblich viel los in dieser schwül-warmen Nacht in Kailua-Kona. Wir parken hinter dem Starbucks und latschen gemütlich mit ein paar Tausend Athleten, Zuschauern & Angehörigen in Richtung King Kamahameha’s Beach Hotel, wo das ganze Procedere wunderbar ruhig und gesittet abläuft. Diese Zeit so direkt vor dem Rennstart ist für mich immer die emotionalste. Wie immer, wenn ich an diese Momente denke, werden meine Augen feucht. So auch jetzt, eine Woche später hier im Starbucks in der Kukui Grove Mall in Lihue auf Kaua’i.

Kona T1

Diese ganz besondere Stimmung vor einem großen Rennen ist einfach irgendwie ganz speziell und sehr schwer in Worte zu fassen (Foto: Sven Haberer). Es ist diese Mischung aus Angespanntheit und Lockerheit, aus Aufgeregtheit verbunden mit ganz besonderen Erwartungen an den Tag und aus tiefer Gelassenheit und Hingabe. Ein für mich wahrlich spiritueller Moment. Einerseits bin ich ganz mit mir selbst beschäftigt und andererseits fühle ich mich wie selten so verbunden mit all‘ den anderen Athleten um mich herum. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass ich dieses Gefühl des Eins-Seins nur aus einer Zen-Meditation im Kloster kenne.

Nach dem Bodymarking geht es zum Wiegen: 145,6 amerikanische Pound. Nach dem Rennen sollen es sieben Pfund weniger sein. Dann die Flaschen ans Rad und nochmal kurz die Lage der Wechselsäcke checken. Alles bestens. Zufällig treffe ich in meinem meditativen Vorstart-Zustand auf Renato Dirks, dessen Frau und Tochter ich in den Tagen vor dem Rennen kennen lernen durfte. Wunderbare Menschen. Wir reden über meine Achillessehnen-Beschwerden und wie seine Frau sie in den Griff bekommen hat. Irgendwann helfen wir uns dann gegenseitig in die Schwimmanzüge und gehen mit der großen Herde zum Schwimmeinstieg.

Die nächste Gefühlswelle übermannt mich, als ich das heilige Wasser betrete und sogleich das Blessing (der Segen) gesprochen wird. Ich treibe auf dem Rücken liegend im Wasser mit dem Blick auf die Kaimauer, auf der tausende Zuschauer dabei zusehen, wie einer nach dem anderen Agegroup-Mann mit den blauen Badekappen in den Ozean gleitet und sich locker einschwimmend in Richtung Startlinie begibt. Nach dem Schwimm-Desaster beim letzten Mal mache ich meine Ansage wahr und begebe mich ganz weit nach links, um jeder Keilerei aus dem Weg zu gehen. Lieber möchte ich ein paar Meter zu viel schwimmen (was man in Kona unweigerlich tut). Später beim Awards Banquet spreche ich mit Sportfreund Kai und wir sind uns ziemlich sicher, dass er die ganze Zeit mit mir geschwommen ist (er verliert wohl beim Ausstiegs-Getümmel meine Füße und kommt nur wenige Sekunden nach mir aus dem Wasser).

Der laute Knall der Startkanone durchzuckt die angespannte Stille dieses Morgens um 6:50 Uhr und wir circa 1.500 AK-Männer begeben uns auf die lange Reise. Tatsächlich schwimme ich nach dem üblichen Startsprint recht schnell in weitgehend offenem Wasser und lasse mich auf so gut wie keine Kämpfe ein. Irgendwann finde auch ich ein paar gute Füße, verliere sie aber an der Wendeboje wieder. Zurück finde ich dann für die letzten 1000 Meter auch noch einmal gute Füße.

Raus aus dem Wasser, kurz abgeduscht. Wechselbeutel schnappen und ab ins Wechselzelt. Dort ist schon der Teufel los. Man merkt, dass dies die Weltmeisterschaft ist – die können alle schwimmen! Dann den langen, langen Weg um die ganze Wechselzone herum bis zu meinem Rad. In der ganze Reihe fehlt noch kaum ein Rad – ein gutes Zeichen! Raus, aufspringen, alles richten. Dann die erste „Aufwärmrunde“ durch Kona. Wie immer ballern die Jungs massiv den Berg hoch (Kuakini Hwy.), um es dann bergab locker rollen zu lassen. Nicht sehr clever: Erstens verschenken sie so wertvolle Meter, da man bergab 53/11 mit wenig Aufwand bestimmt 30 Mann überholen kann und zweitens riskiert man so ganz leicht eine Zeitstrafe wegen Windschattenfahrens.

Ich komme gut in meinen Rhythmus und bleibe fast durchgehend in zweiter Reihe, da hier in Kona doch sehr viele Athleten schneller schwimmen und ich hier heute ein für mich ordentliches Rennen machen möchte (= „schnell“ Radfahren). Bis Kawaihae überhole ich ständig, gehe nur ab und zu auf die rechte Spur und lasse die richtigen Radkanonen vorbei. Alles läuft gut. Die Penalty Tents sind wie immer hier in Kona überlaufen. Trotzdem sind einfach zu viele Athleten auf dem Kurs für ein wirklich sauberes Rennen. Anyway, hoch nach Hawi zieht sich das Ganze dann doch sauber auseinander. Ich spüre, wie ich möglicherweise doch diesen Tick zu hart angegangen bin, aber alles andere hätte recht schnell in Windschatten-Problematik enden können. Jedenfalls muss ich schon vor dem Wendepunkt in Hawi beginnen, Zucker (in Form von Gel) nachzufüllen. In Klagenfurt bin ich das Rennen viel kontrollierter angegangen und musste erst nach 150k mit Gels beginnen. Sicher wie das Amen in der Kirche, beginnt es hoch nach Hawi zu blasen. Ich habe es aber bisher immer schlimmer erlebt und bin so recht gelassen. Oben beginnt es dann sogar zu regnen, was ich auch noch nie erleben durfte. Ich bin dankbar für diese kostenlose Abkühlung. Zusammen mit dem nun starken Seiten-/Rückenwind geht’s gut runtergekühlt wieder hinab nach Kawaihae. Hatte ich schon erwähnt, wie sehr ich dieses Rennen bis hierhin genießen kann? Es macht richtig Spaß. Dass ich zuerst der Spitzengruppe (mit allen wichtigen Leuten wie Frodo und Sebi…und, ja, Andi Raelert) und relativ kurz vor dem Turnaround auch Marcus entgegen komme, bestärkt mich in der Vermutung, dass es wohl auch insgesamt ganz gut läuft (nicht nur rein gefühlsmäßig).

Kona15_Andi Raelert

Dann haben wir unüblichen, starken Seitenwind vom Meer her, der dummerweise in den üblichen, fiesen Gegenwind vom Scenic Point zurück nach Kona mündet. Da wird es nochmal ganz schön hart. Im Nachhinein soll ich dann aber sehr froh über die 5:05h Radzeit sein – das hätte ich mir nicht zugetraut.

Der zweite Wechsel verläuft unspektakulär. Das Rad wird abgenommen. Wieder dürfen wir um die komplette Wechselzone außenrum laufen. Im Zelt wieder ein übles Gedränge. Nachdem ich fertig gewechselt habe, fällt mir auf, dass die gesamte Seite vor mir ein einziges Pissoir ist, was ich dann sogleich nutze (was Du heute kannst besorgen…). Witzigerweise versorgt mich derweil einer der vielen (fünf Tausend!!!) wahnsinnig freundlichen und hilfsbereiten Helfer mit frischen Getränken. Oben rein…unten raus (oder so ähnlich)!🙂

Tja, und von da an ging es nur noch steil bergab (leider nur im übertragenen Sinne). Die an diesem Tag besonders fiese, schwül-warme Hitze schlägt mich wie ein Tsunami ins Gesicht und haut mich förmlich um. Ich versuche, so gut es eben geht, mich auf den Beinen zu halten. An jeder einzelnen Verpflegungsstelle (jede Meile = 1,6 km) gehe ich in Ruhe durch und nutze das volle Anegbot. Eis unter die Kappe, hinten ins Trikot und in die Hose. Wasser, so viel es geht über den Körper und in den Mund. Gatorade und Cola, so viel ich rein bekomme. Aber es hilft alles nichts. Meine Körperkerntemperatur bekomme ich nicht von der kritischen Kernschmelze weg. Das Eis ist längst geschmolzen, bevor ich die nächste Aid Station erreiche. An einigen Stellen machen sich die Helfer sorgen um mich, da ich offenbar nahe am Delirium herumtorkel. Palani hoch ist dem entsprechend an Laufen nicht zu denken. Glücklicherweise ist es oben auf dem Queen K weniger schwül und sogleich erträglicher. Besonders auf dem Weg zurück vom Energy Lab gibt es dann ein wenig kühlenden Gegenwind (wie willkommen!) und ein paar Wolken schieben sich vor die bis dahin unerbittlich brennende Sonne.

Und irgendwann taucht dann auch das HHT-Anfeuerungs-Zelt auf, ich klatsche Hannes und ein paar der Crew ab. Ein M45-Kollege will sich so kurz vor dem Ziel nicht geschlagen geben, auch wenn es bei uns (so um Platz 30) im Grunde um nichts mehr geht. Wir sprechen aber ein Weilchen kameradschaftlich miteinander, bevor er die Palani Road hinunter nochmal Vollgas gibt und sich nach vorn verabschiedet. Gerade nachdem ich dann auf die Zielgerade auf dem Ali’i Drive abbiege, sehe ich Birgit und Christoph ab Straßenrand, die mir noch ein Lächeln entlocken können. Und dann ist sie da, die berühmteste Finishline im Triathlon. Ich bin fertig. Die Hitze hat mein Hirn gegrillt und mich nicht annähernd meine Lauffrom zeigen lassen. Aber ich sollte nicht allein sein. Gerade bei den Profis gab es jede Menge DNFs und ich überholte (mit meinem Rentner-Trab!) den einen oder anderen. Auch in meiner Altersklasse finishen ein paar bekannte „Berühmtheiten“ direkt um mich herum: Alex Lang direkt vor mir mit einer 10:06:38, Carsten Bresser (zweimaliger Olympia-Teilnehmer im MTB) direkt hinter mir mit 10:08:35, Harald Funk knapp dahinter mit 10:08:57 und Sportfreund Marco Göckus ein wenig zurück mit einer 10:13:09. Also in „guter Gesellschaft“. An diesem epischen Tag hauchte Madame Pele einen besonders heißen Atem und so blieben einige Träume auf dem glühenden Asphalt zurück…

Race Stats:

  • Wetter: Das Übliche, nur noch heißer als sonst (angeblich war der ganze Sommer ähnlich wie bei uns unüblich heiß) – Temperaturen in Grad Celsius beschreiben die Sache nur unzureichend.
  • Zeiten: 1:06:57 (Swim, Platz 59) – 3:02 (T1) – 5:05:34 (Bike, vor auf Platz 26) – 3:29 (T2) – 3:49:09 (Run, zurück auf Platz 31 – jeweils AK) = 10:08:11 gesamt
  • Platzierung: 404. Platz overall (31. M45)
  • Ausrüstung: Humanspeed Zweiteiler, Zoggs Predator Goggles, Zone3 Swimskin, Fuju Norcom Straight TT-Bike, Pearl Izumi TriFly Radschuhe, Casco SpeedTime Radhelm, Rudy Project Brille, Asics DS Racer Laufschuhe
  • Ergebnisse gibt’s wie immer hier!

16 thoughts on “IRONMAN Hawaii 2015 – der Rennbericht

  1. Ganz große Klasse, Jörg! Deine Berichte sind einfach großartig – beim Lesen habe ich Gänsehaut und bin zutiefst berührt. Was Du da ablieferst in dieser Saison ist wirklich großes Kino. Fettesten Glückwunsch, Respekt, Hochachtung.
    Das Hitzeproblem kann ich nachfühlen – ich sag nur TAR.

  2. Gutes Rennen, kannst definitiv stolz sein. Ich kann Dich beruhigen, kurz vor dem Ziel (Palani bergab) sahen einige Jungs, die noch vor Dir lagen, deutlich schlechter aus als Du. Von dahinter will ich gar nicht reden …
    Auch wenn es „normalerweise“ vielleicht etwas schneller geht, unter den Bedingungen vom letzten Samstag lagst Du auch beim Lauf gar nicht so schlecht im Rennen, die Gesamtplatzierung ist bei dem Feld ohnehin richtig gut.

  3. Epische Leistung, epischer Bericht! Dein Vorstart-Feeling kann ich genau nachvollziehen. So ging es mir im August vor Paris-Brest-Paris. Man fühlt sich als Teil einer Gemeinschaft, die weltumfassend ist und sich über alle Rassen-, Religions- und Ideologiegrenzen hinwegsetzt. Reason to be!! (Jetzt hab ich schon wieder Gänsehaut🙂 )

  4. Wie wunderbar, wenn ich meine eigene Gänsehaut und die Emotionen so ein wenig transportieren kann und Ihr mitfühlen könnt. Und danke, dass auch mal wieder jemand hier direkt unter dem Blog-Artikel kommentiert und nicht nur immer auf Facebook! Ganz tiefe Verbeugung.

  5. Christian, was war denn nun mit Dir? Ich war ganz überrascht, Dich am Rande der Palani Road zu sehen. Und in der Ergebnisliste warst Du auch nicht zu finden. Warst Du nur als Sightseeing-Trip da?

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