Nach Kona ist vor Maui

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel – so lautet eine alte Fußballer-Weisheit. Und für alle Nicht-Ballsportarten ist sie als „Nach dem Rennen ist vor dem Rennen“ bekannt. Und noch spezifischer unter eingefleischten Triathleten gilt dann im Oktober einfach nur: „Nach Kona ist vor Maui“!

Kona war eine intensive Zeit in unserer kuscheligen Schwaben-WG. Ich hab’s ja sonst nicht so mit WGs, aber mit Marcus und Thomas war das zusammenleben so unkompliziert und nett, dass es einfach nur die pure Freude war. Zugegeben: Schwaben sind halt Schwaben und so hielten wir alle gemeinsam das Apartment sauber, kochten, speisten zusammen, trainierten zusammen, gingen auf Sightseeing-Trips zusammen…ein Wunder im Grunde, dass wir nicht noch zusammen auf die Toilette gegangen sind.

Jörg + Marcus

Dazu kam noch, dass die Tritime – Das Magazin eine Homestory unter der Überschrift „Der etwas andere Strecken-Check“ über uns drehte. Das machte eine Menge Spaß, wenn es auch ein paar Extra-Stunden draußen in der Hitze bedeutete. Und ein paar gute Fotos von Sven Haberer und Mirko Lehnen kamen auch dabei heraus. Thanks guys!

Ein paar Anekdoten aus der Zeit zwischen Kona und Maui:

  1. Direkt nach dem Rennen checken wir unsere Räder aus und schieben sie zurück zum Auto, als wir an einem der „Handicapped Athletes“ vorbeikommen. Aus der Situation heraus – ohne viel zu überlegen – teile ich ihm mit, wie sehr er mich inspiriert. Worauf seine Frau (die ihn im Rollstuhl schiebt) erwidert: „Alle, die ihr heute ins Ziel gekommen seid, inspiriert uns!“
  2. Egal wo man hinkommt: Sobald irgend jemand das IRONMAN-Logo oder auch nur den M-Dot sieht, wird man sofort darauf angesprochen und aufrichtige Hochachtung ohne einen Funken von Missgunst übergiesst sich über einen. Sehr ungewohnt und angenehm.
  3. Wenn man in den star-spangled United States of America einen einfachen Feld- oder Waldweg sucht heißt das Egebnis in aller Regel: Fehlanzeige. Alles – wirklich fast ALLES – ist privates Land und wird auch so von allen Seiten in allen Farben des Regenbogens gekennzeichnet. Üblicherweise sollte man denken, dass dann wenigstens ein „Private“ reichen würde. Aber nein, meist müssen noch alle möglichen nicht sehr freundich anmutenden Begriffe wie „No Trespassing!“ (Nicht betreten!), „Violaters will be prosecuted!“ (Gesetzesübertreter werden strafrechtlich verfolgt) hinzugefügt. Gestern schoss dann ein Unternehmen, dem das Land gehörte, den Vogel ab und fügte noch ein Extra-Schild hinzu, auf dem einzeln zu lesen war, was alles nicht erlaubt ist (als wenn nach den obigen Einschränkungen, die aus meiner Sicht ohnehin nicht erwähnenswert sind, noch etwas hinzuzufügen wäre): Kein Befahren mit Autos, Trucks, Motorrädern, Fahrrädern, kein Joggen, kein Jagen, kein Fischen, etc. pp. – einfach unfassbar! Das Schlimme daran ist aber, dass es praktisch an JEDEM Grundstück zu lesen ist. Gestern allein waren das HUNDERTE solcher Schilder.
  4. Zusammen mit dem Beispiel oben und dem üblichen Einreise-Quatsch, den die paranoiden Amerikaner veranstalten und der mir in diesem Jahr besonders übel mitspielte (und ich beinahe meinen Flug von LAX nach HNL verpasste) ist meine momentane Haltung die, dass ich dieses Land nie wieder betreten werde. Einfach zu viele Verrückte hier, die das viele Positive aus meiner Sicht überschatten. Überdies gibt es noch so viele schöne Länder zu erforschen, wo die Menschen einen gastfreundlich empfangen und nicht respektlos und erniedrigend wie einen Kriminellen behandeln.
  5. Seit langem gönnte ich mir mal wieder einen Helicopter-Flug. Kaum vorstellbar, dass man in so weniger Zeit mehr spektakuläre Wow-Effekte serviert bekommt. Neben den wahrlich tollen Stränden mit so wohlklingenden Namen wie Tunnels, Ke’e, Lumahai und Secret Beach (ganz zu schweigen vom berühmten Kalalau Beach – mehr dazu unten) ist da noch der feuchtesete Punkte der Erde, der Krater des Wai’ale’ale und der Ala’kai-Sumpf und die Na Pali-Küste und, und, und… Das alles aus der Vogelperspektive ist schon etwas ganz besonderes. Außerdem kommt man so zu Punkten wie den aus Jurassic Park bekannten Manawaiopuna Falls. Wahrlich spektakulär.
  6. Und dann ist da noch Kalalau. Kalalau ist ein Mythos und ich habe mir drei Tage Zeit genommen, um diesen Mythos nach 24 Jahren wieder zu erleben. Im Grunde ist noch alles gleich, aber dann doch wieder nicht. Damals war man ganz weit weg von jeglicher Zivilisation. Die meisten Menschen waren die dort permanent lebende Hippie-Kommune und es verirrten sich nur sehr wenige Wanderer dort hin. Früher waren alle nackt, heute nur noch sehr wenige. Heutzutage bleiben zwar immer noch die meisten „normalen“ Menschen außen vor, besorgen sich kein Permit und wandern bestenfalls bis ins erste Tal (Hanakapiai) und zurück.  Der Campground ist viel perfekter ausgebaut und ebenfalls mit 397 Warnschildern verkleistert (Rip Current, Dangerous Waves, Falling Rocks, etc. pp.). Zudem fliegen einem – beginnend so ab circa 08:30 Uhr – geschätzte 583 Helicopter den ganzen Tag um die Ohren (s.o.) und weitere 124 Ausflugsboote kreuzen die Küste hoch und runter. Versteht mich nicht falsch: Es ist alles noch sehr paradiesisch, aber eben mit kleinen Kratzern. Ich bin und bleibe nun einmal ein kritisch hinterfragender Geist und bin nicht so der himmelhoch-jauchzende „Alles-Awesome-Typ“.
  7. Was uns – neben den vielen (wirklich!) Verrückten zum Thema Drogenkonsum bringt. Der ist hier höher als ich ihn irgendwo sonst auf der Welt erlebt habe (na gut, die Karibik mal ausgeschlossen).
  8. Im Kalalau Valley jogge ich gemütlich das Tal hinunter und treffe auf einen der Locals. Er erkennt mich gleich vom Vortag und zählt 1 und 1 zusammen: Jetzt joggend und gestern wild in der Brandung – das kann doch nur ein Triathlet sein. „Herzlich willkommen in Kalalau! Hier bist Du genau richtig – wir sind auch alle high hier!“ Der Typ hat sofort verstanden, dass so etwas wie unser Lieblingssport hochgradig süchtigmachend ist und wir halt nur auf die körpereigenen Drogen (Dopamin, Serotonin & Co.) zurück greifen statt auf Gras und LSD.
  9. Auf einer Wanderung treffe ich auf einen anderen Soloisten. Er taucht ganz plötzlich hinter einer Biegung auf, mustert mich kurz und sagt dann nur: „Immer wieder mal ganz gut, für sich allein zu sein, nicht?“ Ich erwidere etwas verdutzt: „Absolutely. Absolutely!“ Man versteht sich.

Und sonst so? Es ist immer wieder schön, einen echten Freund zu besuchen. Michael hat mir damals, 1991 auf meiner Weltreise, in einer sehr misslichen Lage geholfen und ich werde ihm dafür in alle Ewigkeit dankbar sein. Genau wie bei anderen guten Freunden liegt es nicht an mir, wenn wir uns lange nicht sehen. So auch hier: Ich habe ihn immer besucht, wenn sich das anbot. Nach 1991 wieder Anfang 1996 (mitten in meinem MBA-Studium) und dann bei den beiden weiteren IRONMAN-Teilnahmen 2008 und 2015. Er ist ein kluger Kopf und obgleich wir nicht immer einer Meinung sind, ist es stets eine Freude mit ihm über „The World, the Universe and Everything“ zu diskutieren. Wir schätzen uns trotz all‘ der Macken und Unzulänglichkeiten des Anderen – wie wahre Freunde eben.

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Ursprünglich lag nur eine Woche zwischen IRONMAN und Xterra World Championships. Später dann zwei Wochen (wie 2008) und dieses Jahr zum ersten Mal drei Wochen. Ich will mich jetzt echt nicht beklagen, aber fünf Wochen sind schon echt grenzwertig für einen Amateur, der noch ab und zu ein paar Mäuse verdienen muss. Anyway. Ich weiß wirklich nicht, ob das ergebnistechnisch einen Unterschied macht, ob eine, zwei oder drei Wochen dazwischen liegen. Auf jeden Fall habe ich die Zeit sehr zur Entspannung, Auffrischung der Freundschaft, Kalalau-Wanderung und ein bisschen Sightseeing genutzt. Aber vor allem zu Entspannung. Diese Strände, diese Natur, dieses Licht findet man eben nicht irgendwo „around the corner“! Dementsprechend gönnte ich mir viel Zeit zum „Extreme Beaching“.

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Trainingstechnisch habe ich hauptsächlich auf die Karte „Regeneration“ gesetzt und nicht allzu viel gemacht (selbst die lausigen 11 Miles zum Kalalau Beach habe ich noch ordentlich gespürt). Außerdem musste ich dann aus oben genannten Gründen doch immer wieder die gleichen Trails unsicher machen. Von daher: Mal schauen, was am Sonntag in Kapalua auf Maui geht…

Die Chancen für den Amateur-Overall-Titel des „Hawaiian Double“ stehen jedenfalls gar nicht so schlecht. Ich bin unter den wenigen Double-Startern derjenige mit der besten Zeit aus Kona (ausgenommen Profi Ben Hoffman). Wenn ich das Ding gewinnen könnte wäre das ein hübsches Geschenk für Michael (eine Woche Maui, eine Insel, die er selbst sehr liebt). Wie gesagt: Mal schauen, was die Beine und der Kopf noch so hergeben. Morgen fliege ich jedenfalls rüber und freue mich auf die wilde Xterra-Familie mit vielen bekannten Gesichtern. Let the games begin!

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