Selbstreflexion als Skill

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Zu Weihnachten seit langem mal wieder ein Artikel in der Rubrik „Jörgi’s Provokative Thesen“ (JPT). Höchste Zeit! Schließlich geht es nicht darum, nur Rennergebnisse zu verfolgen oder nette Fotos anzuschauen (seien sie auch noch so schön). Nein, der Leser meines Blogs ist in aller Regel ein ambitionierter Ausdauerathlet, der an sich arbeiten und wachsen möchte. Dann sind die folgenden Zeilen genau das Richtige, um in dieser „besinnlichen“ Weihnachtszeit diese zu lesen und sich tatsächlich zu „besinnen“, darüber nachzusinnen…und vielleicht sogar etwas zu verändern. Wer weiß? Dann wäre es das wert gewesen – sowohl mein Schreiben, als auch dein Lesen.Spiegel

Genau wie in meinem beruflichen und privaten Umfeld meine ich einerseits einen ausgesprochenen Hang zur Unreflektiertheit auszumachen und sehe andererseits wie diese direkt mit der Leistung und dem Erfolg des Einzelnen zusammenhängt. Lasst mich erklären (und bitte auf keinen Fall irgendwas persönlich nehmen).😉

Nicht zufällig bin ich mit diesem Thema Mitte der Neunziger Jahre bei meinem MBA-Studium in den USA in Berührung gekommen, als Daniel Goleman das Thema Emotionale Intelligenz in seinem Bestseller EQ – Emotionale Intelligenz einem breiteren (Nichtfach-) Publikum vorstellte. Selbstreflexion wurde mir hier als EINE wichtige Komponente emotional intelligenter Menschen näher gebracht.

Ausreden

Wenn wir uns das Thema im Kontext Amateur-Triathlonsport (das Gleiche gilt natürlich auch und insbesondere für die Profis) ansehen, bemerken wir schnell, wie viele (wie im „Rest des Lebens“) lieber Ausreden finden statt nach Ursachen des Scheiterns zu suchen.

„Gewinner finden Lösungen – Verlierer finden Ausreden“


Ausreden suchen und finden ist ein Ausdruck davon, keine Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen. Das ist bei kleinen Kindern noch akzeptabel, aber bei erwachsenen Menschen in keiner Weise. Noch dazu, wenn sie selbstbestimmte Ziele erreichen wollen, die Ihnen niemand aufdrückt.

Aber wir alle kennen Sprüche wie

  • „Das Training lief nicht optimal.“ (gerne bereits im Vorfeld)
  • „Es war zu heiß, zu kalt, zu windig, zu trocken, zu nass, zu…“
  • „Der Schiedrichter hat mich völlig grundlos verwarnt….und da hab‘ ich dann irgendwie die Lust verloren.“
  • „Ich habe beim Schwimmen schon einen Schlag abgekriegt…und da hab‘ ich dann irgendwie die Lust verloren.“
  • „Die anderen sind alle Windschatten gefahren…und da hab‘ ich dann irgendwie die Lust verloren.“
  • „Es lief an dem Tag einfach nicht richtig…und da hab‘ ich dann irgendwie die Lust verloren.“

Und so weiter. Was haben all‘ diese Ausreden gemein? Genau, es sind in aller Regel irgendwelche externen Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann, die aber eine gute Ausflucht bieten, warum die eigene Leistung nicht der angestrebten entsprach.Selbstreflexion

Der Jammer ist immer und immer wieder: Da haben Athleten tausende Euros ausgegeben für das teuereste, schnellste und aerodynamischste Zeitfahrrad, den teueresten Neo, mehrere Trainingslager, haben unzählige Trainingsstunden im Jahresverlauf investiert, haben ganz allgemein einen unfassbaren Ressourceneinsatz geleistet und dann…scheitert es an nicht vorhandenen mentalen und emotionalen Fähigkeiten. Lässt sich trainieren. Wie Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit. Nur haben da die meisten Coaches auch ihre Lücken.

Was mache ich, wenn’s zwickt? Wie gehe ich damit um, dass dieser Ar… die ganze Zeit Windschatten fährt? Wie gehe ich mit der Zeitstrafe des Schiedrichters um (die selbstverständlich völlig unfair ist – praktisch bei jedem)? Wie gehe ich mit Wetterbedingungen um, die mir nicht liegen? Wie gehe ich ganz allgemein damit um, wenn es nicht der erwartete perfekte Tag ist? Denn die Realität ist, dass wir nur ganz selten den perfekten Tag erwischen. Vielleicht sogar nie. Vor allem auf der Langdistanz. Zusammenfassend: Immer sind die Umstände schuld – nie man selbst.

„Circumstances don’t make a man – they reveal him.“

James Allen


Lernen

Ebenfalls aus meiner Berufspraxis als Trainer und Coach kenne ich die „Ich weiß schon alles/Ich kann schon alles“-Typen. Beratungsresistent. Tipps von den Trainingskameraden – Dankeschön, nicht interessiert. So lange sie nicht von Brett Sutton höchstpersönlich kommen sind Ratschläge aller Art nicht erwünscht.

„Der Kluge lernt aus allem und von jedem, der Normale aus seinen Erfahrungen und der Dumme weiß alles besser.“

Sokrates


Kritik

Eng mit obigem verknüpft ist die weitverbreitete Unfähigkeit, mit Kritik umgehen zu können. Kritik hat meist von Haus aus bereits den Stallgeruch des Negativen. Dabei ist (zumindest konstruktive) Kritik etwas ausgesprochen Positives, da sie uns reflektieren lässt, uns einen Blick von außen ermöglicht, unser Denken und Handeln in Frage stellt. Zugegeben: Es kommt darauf an, (1) von wem die Kritik kommt und (2) mit welcher Intention. Oft kommt Kritik von einem Ort des Neids und der Missgunst und dann kann man sie getrost in die Tonne treten. Außerdem ist erwiesen, dass (3) entscheidend ist, wie die Kritik geäußert wird. Wer da Nachhilfe benötigt, kann sich gern an mich oder einen meiner vielen Trainerkollegen wenden. 😉

Angst

Angst ist etwas komplett normales. Wir alle haben Ängste. Aus meiner Sicht sind sie in unserem heutigen Kontext fast nie hilfreich, aber fast immer hinderlich. Das ist ein sehr großes und weitreichendes Thema über das ich allein schon seitenweise schreiben könnte (und eigentlich müsste – mehr dazu in meinem nächsten Buch). Hier nur so viel: Die vier Urängste sind bestenfalls störend, schlechtestenfalls lähmend. Dann nämlich, wenn wir wichtige Entscheidungen hinaus zögern oder gar nicht treffen, wenn wir die Hosen so gestrichen voll haben, dass wir es gar nicht erst bis zur Startlinie schaffen.

„Meine Freunde halten mich für einen Irren. Aber das bin ich nicht. Ich bin nur so, wie sie auch wären, wenn sie nicht so verdammt viel Angst hätten.“

Johnny Depp


Die vier Urängste?

  1. Angst, nicht gut genug zu sein (weit verbreitet unter Athleten).
  2. Angst davor, nicht gemocht zu werden (soziale Zurückweisung – meist eher Antrieb von Sportlern -> soziale Anerkennung durch sportliche Leistung und nachprüfbare Ergebnisse).
  3. Angst vor Misserfolg (weit verbreitet unter Athleten).
  4. Angst vor Überanstrengung (nur bei schwächeren Athleten verbreitet und in aller Regel völlig unbegründet).

„Klopft die Angst an die Tür. Vertrauen öffnet. Niemand steht draußen.“

Chinesisches Sprichwort


Wie in vielen Lebensbereichen hilft Vertrauen als Gegenmittel zur Angst. Vertrauen, insbesondere auch Selbstvertrauen, muss man sich aber erarbeiten. Hier kann gerade der Sport ein sehr gutes Mittel sein. Je mehr ich mir immer und immer wieder beweise, dass ich mich auf mich selbst verlassen kann, desto mehr stärke ich mein Selbstvertrauen (kann mir selbst vertrauen). Das Gleiche geht aber nach hinten los, wenn ich beispielsweise mehrfach ein DNF hinlege. Irgendwann steige ich beim kleinsten Zipperlein aus…

Nur so ein paar Gedanken für die besinnliche Zeit. Euch und Euren Lieben ein frohes Fest und einen guten Start in ein verletzungsfreies, erfolgreiches Triathlonjahr 2016 reich an schönen Erfahrungen!

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