Weltreise Teil 6: Argentinien/Uruguay

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Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja…Kurz vor dem Abflug nach Buenos Aires passiert das, was auf so einer langen Reise schon mal passieren kann: Ich werde ganz klassisch beklaut. Mein Geldbeutel ist weg und damit alle meine Karten. Das ist im ersten Moment schon mal ein sehr komisches Gefühl. Keine Kreditkarte, kein Bargeld, kein einziger Peso. Ich weiß noch nicht einmal, wie ich zum Airport kommen soll. Aber wie praktisch immer in solchen Krisensituationen finden sich „Engel“ ein, die einem aus der Patsche helfen. In meinem Fall in Gestalt meines Sitznachbarn im Bus, der die Story mitbekommt und mir spontan 5000 Peso und einen Beutel mit Keksen schenkt. Als ich dann am Airport einchecken will, passieren zwei Dinge: Erstens ist der Flug Air Canada von Toronto über Santiago nach Buenos Aires (dessen erste Hälfte ich vor drei Wochen flog und deren Reststrecke ich nun antreten will) zwei Stunden verspätet und zweitens postet meine gute, alte Freundin Ann-Christine, dass sie frisch vom Heimaturlaub aus dem Schwabenland wieder zurück in ihrer Wahlheimat Chile angekommen ist. Ein paar Text-Messages und WhatsApp-Calls später (thanks to public Wifi und dem Glück, dass nicht auch mein iPhone geklaut wurde), ist Ann am Flughafen und übergibt mir eine ganze Menge Bargeld (leider lausige chilenische Pesos, die in den nicht ganz freundlichen Nachbarländern nur mit enormen Abschlägen umzutauschen sind). In solchen Momenten lernt man den Wert von Plastikkarten zu schätzen…und vor allem von echten Freunden!

Anyway. Der Flug über die Anden ist im ersten Teil sehr abwechslungsreich und schön, dann eher öde, da es einfach über die argentinische Pampa geht – und da ist nun mal einfach „nichts“.

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Aber kurz möchte ich noch ein Highlight einflechten, das meinen vorigen Abstecher nach Argentinien betrifft: Bariloche. Ist  das ein nettes Städtchen in einer fantastischen Gegend mit schönen Seen und Bergen! Ich nutzte die Zeit dort vor allem für ausgedehnte Trailruns in die umliegende Bergwelt. Ein besonderes Schmankerl war dann an Weihnachten, als ich mich dazu entschloss, zum Refugio Frey hinaufzusteigen und doert in sehr kleinem Kreise mit richtig guten Kletterern aus aller Welt den Heilgen Abend zu verbringen. Es gab ein wahrlich beeindruckendes  Weihnachtsmenü mit fünf Gängen (naja, für so eine kleine Berghütte jedenfalls).

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Dann fast foward nach Buenos Aires. Es ist ja immer schwer zu sagen, warum man einen Menschen oder Ort besonders mag…oder eben nicht. Ich verliebe mich jedenfalls auf der Stelle in BA. Welch eine schöne Stadt, welch eine Energie, welche schöne, alte Gebäude, welch gut funktionierende U-Bahn (hier Subte genannt – kurz für sub-terraneo). So verbringe ich erstmal einige Tage und sauge diese Stadt in mir auf. Argentinische Politik und Ökonomie hin oder her – hier könnte ich zumindest ein paar Jahre leben. Dabei ist BA eine riesige Metropole mit 18 Millionen Einwohnern und damit fast einem Viertel der argentinischen Gesamtbevölkerung. Aber irgendwie fühlt man das gar nicht so. Zum Beispiel nutze ich zwei Tage, um mit dem Zug nach Tigre ins riesige Flussdelta des Paraná zu fahren und habe sofort das Gefühl, in hübschen Vororten zu sein mit ebenso hübschen Einfamilienhäusern. Dabei darf man aber nie vergessen, dass man eben auch als Backpacker meist nur die eine (die hübschere) Seite eines Landes sieht. Denn auch dort in Tigre trifft man selbstverständlich nur die Menschen, die sich das leisten können. Man muss also immer vorsichtig sein, wie man sich die Welt zurecht-rationalisiert. Was man selten bis gar nicht mitbekommt, sind die Millionen von Menschen, die in irgendwelchen Vororten (bzw. den berüchtigten Favelas in Brasilien) es kaum schaffen, ihre Familie zu ernähren. Eine interessante Information, die mich sehr beeindruckte: Vor 100 Jahren war Argentinien die fünftgrößte Volkswirtschaft der Erde – heute sind sie nicht einmal mehr in den Top 50! Soviel zum Thema, dass einwandfrei demokratisch gewählte Regierungen das Allheilmittel wären, für das sie gern verkauft werden. In Südamerika scheint einer der beliebtesten Wettbewerbe zu sein, wer die Nummer 1 in Bezug auf Korruption ist. Sehr schade. Aber wieder ein Punkt der langen Liste, die mich auf dieser Reise darin bestärken, dass man es außerhalb Deutschlands bzw. Mittel- und Nordeuropas fast nur schlechter erwischen kann. Wir sollten weniger jammern und mehr daran arbeiten, das zu erhalten und auszubauen, was wir uns in den letzten 60 Jahren erarbeitet haben. Und dafür dankbar sein, was wir haben. Just sayin‘.

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Neben all‘ den anderen Dingen möchte ich gern ein paar Highlights herausstellen: Erstens die Vielfalt des guten Essens, dann die wunderschönen Cafés und Bars. Zugegeben: Ich wohnte mitten in Palermo SoHo und in ein paar Schritten war man an der Plaza Serrano, wo jeden Abend eine einzige große Party abgeht. Und dann natürlich der Tango! Tango und Buenos Aires gehören untrennbar zusammen und es ist eine wahre Freude, dieser Kunstform tatsächlich jeden Tag auf irgendeine Weise zu begegnen. Es ist einfach berauschend, auf der Plaza Dorrego im Stadtteil San Telmo in einem Café zu sitzen und wirklich guten Tango-Tänzern bei „der Arbeit“ zuzusehen. Oder gar bei einer sogenannten Milonga in spielerischer Atmsphäre sich selbst auszuprobieren. Ein großartiger Spaß!

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Ein weiteres Highlight war die Silvesterfeier. Im Hostel ergab sich das Dreamteam mit den zwei holländischen Mädels Cleo & Melissa. Dank Ann’s Empfehlung nahmen wir unseren Sekt und Rotwein, die Gläser und ein paar Happen und fuhren mit dem Taxi hinunter zum Puerto Madero, wo schon tausende andere in Feierlaune warteten. Dank der Offenheit der Südamerikaner hatten wir dann auch gleich Anschluss zu einer Gruppe mit echt netten leuten aus Uruguay, Paraguay, Venezuela, Kolumbien und Brasilien (neben den obligatorischen Argentiniern). Fazit: Viel Spaß und viel zu viel Alkohol. Schee war’s.

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Zwei weitere Tage sind für die alte Festungsstadt Colonia del Sacramento auf der anderen Seite der riesigen Bucht des Rio de la Plata in Uruguay reserviert. Nett, aber IMHO wieder einmal eher overrated. Es ist schwülwarm und ich fühle mich an die Seglerei im Südpazifik erinnert (auf meiner ersten Weltreise). Zeit zum Abschalten, runterkommen, Ideen generieren und aufschreiben. Die Highspeed-Katamarane bringen einen dabei in einer guten Stunde Fahrzeit auf die andere Seite. Allerdings haben sie den Nachteil, dass man sitzt, wie in einem Flugzeit und nicht einfach an Deck offen herumgehen und die Meerluft schnuppern kann.

Tja, und irgendwann ist es dann mal wieder an der Zeit, hasta luego zu sagen und zu einer total unchristlichen Zeit, um 4:10 Uhr, den Flieger der TAM zu besteigen und in Richtung der brasilianischen Hauptstadt Brasilia aufzubrechen.

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